Für das Kulturerbe kämpfen Isabelle Warin aus Frankreich

Isabelle Warin

„Das Feuer ist aus. Aber heute früh waren sie immer noch mit Wasser dabei. Meine Güte, was ist da passiert?“ Sie hat nicht viel geschlafen in der Nacht. Sie hat am Fernseher gesessen und hat im Internet die Löscharbeiten verfolgt. „Notre Dame ist vielmehr als eine Kirche. Es ist ein sehr wichtiger historischer und politischer Ort, ein Erinnerungsort nicht nur für Franzosen.“ sagt Dr. Isabelle Warin am Morgen nach dem Brand in Paris.

Seit zwei Jahren lebt die promovierte Archäologin in Schwerin und es wird in unserem Gespräch schnell klar, dass sie ein Faible für die Landeshauptstadt entwickelt hat. „Hier ist es überall schön, schon wenn ich aus der Haustür trete und auf das E-Werk schaue. Aber stellen Sie sich mal vor, wie es war, als 1913 das Schweriner Schloss brannte.“, fügt sie sichtlich bewegt hinzu. Aufgewachsen ist Isabelle Warin in Bordeaux. Hier besucht sie die Schule und beginnt mit dem Studium: Physik und Mathematik. „Bordeaux war ein bisschen Provinz.“, lacht sie. „Darum bin ich nach dem Vordiplom weit weggegangen.“ An der École de Louvre in Paris studiert sie zunächst Kunstgeschichte und später klassische Archäologie an der Sorbonne. Für ihre Studien und Forschungsergebnisse erhält sie Auszeichnungen und Stipendien zum Beispiel der École française de Rome und der École française d’Athènes.

Isabelle Warin arbeitet während des Studiums an Ausgrabungen eines verlassenen mittelalterlichen Dorfes von Minenarbeitern in „Brandes en Oisans (Frankreich) und an antiken Stätten auf der kleinen Insel Delos (Griechenland) mit. Bei Forschungsarbeiten an dem berühmten Zeustempel von Olympia, dem größten Sakralbau auf der Peloponnes, lernt Isabell Warin ihren späteren Ehemann kennen. Ihre Doktorarbeit schreibt sie an der Pariser Sorbonne über die „Waffenproduktion im alten Griechenland“ und beleuchtet dabei die technologischen, soziologischen und ökonomischen Seiten eines Themas, dass die Geschichte der Waffen- und Kriegsführung über lange Zeit prägte.

Mehrere Jahre forscht Warin auf den Spuren des Comte de Caylus, der im 18 Jahrhundert mit der Sammlung antiker Kunstwerke begann und zu einem der bedeutendsten französischen Antiquare und Sammler wurde. Sie baut eine kommentierte Datenbank zur Sammlung auf.

Ihre wissenschaftliche Laufbahn führt Dr. Isabell Warin von der Sorbonne über die Pariser Universität Denis Diderot in die Schweiz. Hier ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Denkmalpflege und Bauforschung der ETH Zürich, hat einen Lehrauftrag an der Universität Zürich und engagiert sich als Kunst- und Kulturvermittlerin am Schweizer Nationalmuseum. Die Liste ihrer Veröffentlichungen ist lang und umfasst eine Vielzahl von Themen aus unterschiedlichen historischen Epochen.

Wer nun möglicherweise vermutet, Dr. Isabell Warin sei in der Historie und der Archäologie gefangen, täuscht sich gründlich. Auf einer Tagung in Innsbruck (2016) stellt sie sich Fragen zu der Zerstörung Palmyras, der Ruinenstätte in Syrien, einem zentralen Bezugsort von Fragen der Architektur, Kunst, Literatur und Philosophie. „Wie schwer ein Verlust wiegt, ist vor allem subjektiv und hängt entscheidend davon ab, welcher kulturelle Stellenwert einem Monument entgegengebracht wird – vom Einzelnen persönlich bis hin zu ganzen Kulturkreisen.“ Heißt es in einem Text zu der Tagung. Und damit ist sie mitten im Paris von heute und auch in Schwerin gelandet.

„Welches Land tut schon genug für sein Kulturerbe? Das kostet Geld, Energie und Kraft. Und dabei ist das Wichtigste die Beziehung der Bevölkerung zum Kulturerbe, die Bedeutung, die es für die Gegenwart hat. Es ist wie in persönlichen Beziehungen. Man muss sie pflegen!“, sagt sie. „Als Kinder gehen wir alle in Museen. Aber als Erwachsene hören viele damit auf. Museen sollten ein Ort der Begegnung sein: Zwischen Menschen, zwischen Menschen und den Kunstwerken. Mir gefällt es, wenn die Kultur aus den Mauern heraus und an die Öffentlichkeit tritt. Wie viele Leute sagen jetzt, ich wohne schon 20 Jahre in Paris, aber ich war noch nie in Notre Dame.“ - Als überzeugte Europäerin ist sie sicher, dass nicht nur Europa als Ganzes, sondern auch die einzelnen Mitgliedsländer davon profitieren würden, wenn die Kräfte zur Wahrung des Kulturerbes besser gebündelt würden.

Sie kommt 2017 mit Sohn Paul-Louis und ihrem Mann, Arnd Hennemeyer, der in Wismar arbeitet, nach Schwerin. Ihre Erfahrungen und Expertise als Archäologin und Kunsthistorikern könnte sie in Schwerin sicher gut einbringen. Doch die Arbeitsstellen sind rar. So kümmert sich Isabelle Warin darum, ihr internationales Netzwerk lebendig zu halten und auszubauen, hält Vorträge in Berlin oder Zürich und schreibt an einem Buch über die Kriege der Griechen und der Römer. Sie unterrichtet an der Schweriner Volkshochschule Französisch für Anfänger und Fortgeschrittene.

In ihrer Freizeit lernt sie Italienisch und damit– neben Latein, Altgriechisch. Neugriechisch, Deutsch und Englisch - die sechste Fremdsprache. Sie bereitet sich auf den Halbmarathon beim diesjährigen Fünf-Seen-Lauf vor. Und wenn Isabell Warin einmal Heimweh hat, dann ist das Schweriner Schloss der richtige Anlaufpunkt. Immerhin ist es ein bisschen vom Schloss Chambourg, dem größten Schloss des Loiretals inspiriert und erinnert an Zuhause in Frankreich.

Dieser Artikel ist am 24.06.2019 in der Schweriner Violkszeitung erschienen: https://www.svz.de/lokales/zeitung-fuer-die-landeshauptstadt/franzoesin-wirbt-fuers-kulturerbe-id24403487.html

Länderinfo Frankreich

Frankreich Die République Française ist flächenmäßig das größte Land in Europa und blickt auf eine alte und reiche Kulturgeschichte zurück, die auf Europa und darüber hinaus ausstrahlte. Heute ist Frankreich eine der führenden Industrie- und Exportnationen der Welt. Traditionell wird in Frankreich die Wirtschaftspolitik von vergleichsweise starken staatlichen Eingriffen gelenkt. Die Schlüsselindustrien, besonders die Energiewirtschaft, sind bislang unter staatlicher Kontrolle, doch in den letzten Jahren wurde zunehmend dereguliert und privatisiert. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner Frankreichs.

Zusammen mit Deutschland gehörte Frankreich zu den Gründungsnationen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und trug viel zu den engeren Bindungen in der Europäischen Union bei. So war Frankreich auch eine treibende Kraft bei der Einführung des Euros.

Von den gut 67 Millionen Einwohnern leben rund 10 Millionen im Großraum der Hauptstadt Paris, dem Sitz der Regierung. Mit Maßnahmen wie der Senkung von Steuern und Sozialabgaben, steigenden Löhne bei verhaltener Inflation versucht die Regierung unter dem Staatspräsidenten Emmanuel Macron verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen. Die Banque de France erwartet, dass die Kaufkraft 2019 um 2 Prozent pro Kopf zulegt.

Neben dem Territorium in Europa zählen zu Frankreich Überseegebiete in der Karibik, Südamerika, vor der Küste Nordamerikas, im Indischen Ozean und in Ozeanien. Frankreich beansprucht das Gebiet Adélieland in der Antarktis.