"kader" wie in Kaderakte Abdelkader Aloui aus Algerien

Abdelkader Aloui

„Wenn die Leute mich fragen haben, wie schreibt man Ihren Namen? Dann sage ich immer: erst ‚Abdel‘ und dann ‚kader‘ wie ‚Kaderakte‘ “, lacht Abdelkader Aloui aus Algerien. Damit ist klar, er lebt schon eine Weile hier. Als Aloui aus Biskra nach Schwerin kommt, da gibt es die DDR noch.

„Die Stadt Biskra nennt man auch das „Tor zur Sahara“. Da fängt die Wüste an.“, sagt er. Dort, in der Oasenstadt im östlichen Algerien am Fuß des Aurés-Gebirges, besucht Abdelkadar Aloui die Schule. Trockenheit und Hitze prägen den Sommer. Im Winter ist Biskra ein beliebter Urlaubsort, da die Temperaturen nicht unter die Nullgradmarke fallen.

„Nach der 10. Klasse war ich ein paar Monate in der Nähe der Hauptstadt Algier und habe begonnen, bei der algerischen Post zu arbeiten. Wir wurden am Schalter, in der Sortierung der Briefe und Pakete und als Telefonisten angelernt.“, erinnert sich Aloui. Es folgen 2 Jahre Militärdienst und einige Monate Arbeitslosigkeit. Dann findet er 1984 Arbeit im Kabelwerk.

Der Bau des Kabelwerkes in Biskra zählt zu den großen Industrieprojekten, die in Algerien mit DDR- Beteiligung verwirklicht werden. Es wird das größte Kabelwerk auf dem afrikanischen Kontinent. Baubeginn ist im März 1982. Der erste Montageabschnitt des modernen Werkes wird am Sonnabend, 28. April 1984, feierlich übergeben, meldet seinerzeit das „Neues Deutschland“.

„Damals waren viele Leute aus Deutschland in Biskra. Sie kamen aus Magdeburg vom Schwermaschinenbau-Kombinat SKET und auch aus Schwerin. Das waren Techniker, Ingenieure und Ausbilder, Sie haben auch Leute ausgewählt, die sich in Deutschland spezialisieren sollten.“, so Aloui. „Insgesamt 16 Gruppen mit je 8 bis 10 Personen sind dann nacheinander in die DDR gegangen.“ Im Sommer 1985 ist Abdelkader Aloui einer von ihnen.

In Magdeburg lernen die jungen Algerier zunächst einmal Deutsch. Dann beginnt die praktische Ausbildung im VEB Kabelwerk NORD Schwerin. „Ich war beeindruckt von Schwerin. So ruhig, so sauber, so geordnet. Das war mir fremd und es hat mir gefallen.“, so Aloui über seine erste Zeit in Schwerin. Und er erinnert sich auch an die Orte, die er und seine Kollegen nach Feierabend aufgesucht haben: das Achteck, den Stadtkrug und das Residenz-Café am Markt.

Im Dezember 1986 ist dann Schluss. Die Gruppe von Aloui reist zurück nach Algerien. Für ihn ist das ein schlechter Zeitpunkt, denn bereits im Januar 1987 bekommt seine spätere Ehefrau, eine Schwerinerin, ihre erste gemeinsame Tochter. Fast 2 Jahre sieht Abdelkader Aloui die Kleine nicht. Er arbeitet als Prüfer im neuen Kabelwerk in Biskra und bemüht sich so schnell wie möglich um ein Visum für die DDR. „Das war so viel Papier, da brauchst du 2 Tage zum Ausfüllen. Du musst viele Fragen beantworten und wochenlang warten.“. – Das Warten lohnt sich. Im Oktober 1988 geht es zurück in die DDR.

„Vom Flughafen ab in das Aufnahmeheim nach Zepernick. 21 Tage und viele Fragen. Lügen konntest du da nicht. Die von der Staatssicherheit wussten wirklich alles.“, so Aloui.

Als Schlosser arbeitet Aloui im Landtechnischen Instandsetzungswerk LIW Schwerin. 1989 heiraten die Schwerinerin und ihr Freund aus Algerien. Sie reisen im Urlaub in sein Heimatland und erfahren dort aus den Nachrichten von den Montagsdemonstrationen und der sich ändernden Stimmung in der DDR.

„Kurz nachdem die Grenzen offen waren, sahen die Schaufenster plötzlich anders aus. Es gab Dinge, die bekam man vorher nur im Intershop.“, meint Aloui. Seine erste Fahrt in den Westen führt mit dem Bus nach Lübeck. „Meine Frau und meine Tochter haben sich dann in der Schlange an der Sparkasse angestellt und 200 DM Begrüßungsgeld erhalten. Ich war kein Deutscher, also habe ich mich da auch nicht angestellt. Hinterher waren wir shoppen. Der ganze Bus roch nach Bananen.“, lacht Aloui bei den Gedanken an die vollen Geschäfte und all die Dinge, die die Menschen im Bus mit zurückbringen.

Eine Zeitlang geht es mit der Arbeit weiter. Dann macht Aloui sich selbstständig. Auf Märkten und Stadtfesten verkauft er Handyzubehör, Kabel und Geschenkartikel. Irgendwann macht seine Hüfte nicht mehr mit und er muss kürzertreten.

Inzwischen lebt Abdelkader Aloui 32 Jahre in Schwerin. Das ist länger als in seinem Herkunftsland Algerien. 22 Jahre lebt er auf dem Dreesch. Inzwischen ist der fünffache Vater auch Großvater von 9 Enkeln. Als Vorsitzender des Islamischen Bund e.V. engagiert er sich in der Landeshauptstadt. Das wird er sicher auch noch die nächsten Jahre machen. „Es wäre schön, wenn wir – wie die anderen Glaubensgemeinschaften auch - eines Tages einen festen Ort mit einer Moschee in der Stadt haben könnten.“, meint Aloui zuversichtlich.

Länderinfo Algerien

Die Demokratische Volksrepublik Algerien ist 6,5 mal so groß wie Deutschland und der Fläche nach der größte Staat des afrikanischen Kontinents. Algerien liegt zwischen Marokko und Tunesien am Mittelmeer im Nordwesten Afrikas. Weitere Nachbarländer sind im Südwesten Mauretanien und die von Marokko beanspruchte Westsahara, im Süden Mali und Niger und im Osten Libyen.


Geografisch und klimatisch und auch politisch, sozial und historisch finden sich hier Vielfalt und zugleich extreme Gegensätze. Die jüngere Geschichte vor und nach der Unabhängigkeit 1962 ist durch exzessive, traumatisierende Gewalt gekennzeichnet. Die kolonialkritische Geschichtsschreibung geht allein im Zeitraum von 1850-1890 von 1-1,5 Mio. Todesopfern während der französischen Vorherrschaft aus. Die Verfassung von 1996 definiert Algerien als Präsidialrepublik. Der Präsident wird direkt durch das Volk gewählt und steht an der Spitze des Landes. 20 Jahre prägt Abd al-Aziz Bouteflika als Präsident die Politik des Landes. Einige Jahre sind es immer wieder aufflammende, bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen, die die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung hemmen. 2019 protestieren vor allem junge Menschen gegen die politische Eilte, der sie Korruption, Unterschlagung und Vetternwirtschaft vorwerfen. Der Protest der Hirak-Bewegung sorgt für den Rückzug Bouteflikas. Der neue Präsident Abdelmajid Tebboune, der mit Rückendeckung des mächtigen Militärs für November 2020 ein Referendum zur Verfassungsreform angekündigt. Er ist nicht der Hoffnungsträger der jungen Generation. Jüngste Gerichtsurteile gegen Protestierende und Journalisten machen ihnen wenig Hoffnung auf eine wirkliche Verbesserung.