Prinzessin im Plattenbau statt im Schloss Gifty Mottey aus Ghana

Gifty Mottey, Ghana

Kommt die Enkelin eines Königs zu einem offiziellen Besuch nach Schwerin, so beschreitet sie wahrscheinlich den roten Teppich vor der Staatskanzlei. Dort wird sie von der Ministerpräsidentin empfangen, gemeinsamen speist sie mit Gefolge und Gastgebern im Schloss und führt staatstragende Gespräche. Nicht so in diesem Fall.

Gifty Mottey ist eine wirkliche Prinzessin. Ihr Großvater war König und lebte in der Stadt Enchi in der „Western-Region“ von Ghana, einem Staat am Golf von Guinea, Westafrika. 2014 kam sie nach Deutschland. Seit 2017 lebt sie in Schwerin, ganz ohne großen Bahnhof.

„Can we talk in English, please?“ fragt Gifty Mottey (32) gleich zu Beginn des Gespräches. Ihre Deutschkenntnisse sind ganz passabel und so würde es sicher auch auf Deutsch gehen. Aber „It‘s because I think I can express myself better in English.“, ergänzt sie. Englisch ist Amtssprache in Ghana und so wird es dann ein Gemisch aus beiden Sprachen.

Gifty Mottey ist aufgebracht. Gestern sei etwas geschehen, das habe sie bisher nicht erlebt. Eine deutsche Frau aus der Nachbarschaft habe eine Freundin von ihr geschlagen. Die Frau habe sie selbst beschimpft und beleidigt. Sie habe ihre Tochter geschubst. „Ich habe keine Ahnung, warum sie das gemacht hat. Aber das ist doch Rassismus. Bis gestern fühlte ich mich hier wohl und sicher. Aber jetzt weiß ich nicht mehr!“, sagt Mottey, die vor zwei Jahren von Güstrow nach Schwerin gezogen ist, weil sie hier bessere Möglichkeiten für sich sah.

Hier lebt Gifty Mottey mit den Zwillingen Michael Adam (2) und Gabril Adoye (2), der großen Tochter Nana Yaa (4) und der kleinen Mama Yaa, die erst ein gutes halbes Jahr alt ist. „I still love to have my freedom and live my simple way”, sagt sie und engagiert sich für junge Frauen, ermutigt sie zur Selbstständigkeit. „Vielleicht gehe ich eines Tages zurück nach Ghana. Wenn es dort sicher ist. Ich habe dort immer noch eine Aufgabe in der Thronfolge.“ so Mottey. „In Europa habe ich viel gelernt über die Freiheit und die Bedeutung und Rechte der Frauen. In meiner Gesellschaft leiden besonders die Witwen. Stirbt ihr Mann, ist das wie ein Weltuntergang. Ich möchte gerne weitergeben, was ich gelernt habe. Die Frauen müssen lernen an sich selbst zu glauben. Frauen können mehr leisten als Männer. Sie sind nicht abhängig von ihnen.“

Ihr Lebensweg ist alles andere als alltäglich. Geboren ist 1987 sie in Accra, der Hauptstadt Ghanas, direkt an einer Bushaltestelle. Das war so natürlich nicht geplant. Ihr Vater kommt aus der Region Volta. Er ist Christ. Er hat ihrer Mutter das Christentum nahegebracht. Dem Vater der Mutter hat das nicht gefallen. „Mein Großvater war der König in Enchi. Ihm gehörte ein Sägewerk, eine riesige Kakaoplantage und mehr. Er war eine sehr wichtige Person, wichtig und gefährlich. Er hatte mit acht Frauen 33 Kinder und 211 Enkel. Seine erstgeborene Enkelin ist die „Nanahemaa“, die Prinzessin. Das bin ich. Und üblicherweise ist das eine große Verantwortung. Aber als meine Mutter ahnte, dass sie ein Mädchen zur Welt bringen würde, ist sie aus Enchi abgehauen. Es gibt geheimnisvolle Rituale im Volk meines Großvaters. Davor hatte meine Mutter Angst und ist dann hochschwanger nach Accra geflohen. Da kam ich dann an einer Bushaltestelle zur Welt.“

Ihr Leben ist seither geprägt von Flucht und sich verstecken. Zunächst geht es zurück nach Enchi. Dort wuchs sie auf. Kurz vor ihrem 14. Geburtstag verschwindet sie aber von dort. „Wenn ein Mädchen 14 Jahre alt wird, gibt es ein Ritual in einem dunklen Raum über das nicht gesprochen wird. Das wollte ich nicht.“ Sie lebt unter einem anderen Namen bei Freunden des Vaters, besucht die Schule, das Nelson College. Sie macht eine Ausbildung im Gesundheitswesen, hat Zertifikate als Krankenschwester, Hebamme und für Erste-Hilfe.

Als der Großvater, der auch spiritueller Führer seines Volkes war, 2002 stirbt, beginnt in Ghana die Suche nach Gifty Mottei. Sie hätte nun Priesterin im Volk des Großvaters werden und eine wichtige Rolle bei der Neubesetzung des Königthrones übernehmen sollen. „Meine Eltern hatten vorgetäuscht, dass ich gestorben sei. Wir haben uns geschrieben oder über Freunde voneinander gehört. Ich habe dann aus dem Radio erfahren, dass sie in meinem Dorf und der Region Enchi nach mir suchen. Ich war im Land nun nicht mehr sicher.“, sagt sie und berichtet von ihrer Flucht nach Italien. Dort kommt sie 2008 an. „Da begann meine Freiheit“. Diese währt ein nur wenige Jahre, bis ein Mann aus ihrem Dorf sie entdeckt und beginnt, ihr das Leben schwer zu machen.

Über Facebook nimmt Gifty Mottey zu ehemalige Mitschülerin Kontakt auf. Diese lebt damals in Köln. Zu ihr fährt Mottey und sie zeigt sich selbst bei der Polizei an, stellt einen Antrag auf Asyl. So kommt sie zunächst nach Horst, dann nach Güstrow. Dort lernt sie ein deutsches Ehepaar kennen. Sie nennt die beiden Oma und Opa. „Gifty ist unsere Tochter im Herzen“, sagt Ramona Schörk. „Und wir sind ein bisschen unglücklich, dass sie nach Schwerin gezogen ist. Dort können wir sie und die Kinder nicht mehr so gut unterstützen.“

Das Schweriner Schloss hat sie inzwischen auch von innen gesehen, ganz profan und ohne Tamtam und Mittagessen, als Teilnehmerin eines Sprachkurses.

Dieser Artikel leicht gekürzt ist am 22.07.2019 in der Schweriner Volkszeitung erschienen: https://www.svz.de/lokales/zeitung-fuer-die-landeshauptstadt/eine-prinzessin-auf-der-flucht-id24796837.html

Länderinfo Ghana

Die Republik Ghana ist etwa 10 mal so groß wie Mecklenburg-Vorpommern. Mit dem Namen Ghana wird historisch eine Verbindung mit dem Reich von Ghana, einem Großreich in Westafrika, hergestellt, zu dem der Staat allerdings nie gehörte. Seit 1957 unabhängig vom Vereinigten Königreich England und Großbritannien, wurde Ghana auch „Goldküste genannt. Die Hauptstadt ist die Metropole Accra. Hier leben 2,4 der etwa 29 Millionen Einwohner.


Ghana ist ein tropisches Land, kennt also keine Jahreszeiten, sondern einen Wechsel zwischen Regen- und Trockenzeit. Nahezu gleich lange Tage und Nächte bestimmen das Leben. Ghana ist weltweit einer der wichtigsten Goldförderer und zugleich auch der zweitgrößte Produzent von Kakao. Für das Jahr 2019 erwartet die Economist Intelligence Unit (EIU) eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um etwa 6,5 Prozent. Im Jahr 2020 wird dann nur noch mit Steigerungsraten von 5,6 Prozent gerechnet. So ist Ghana einer der attraktivsten Standorte auch für Niederlassungen deutscher Unternehmen in Afrika. Dennoch zählt Ghana nach wie vor zu den ärmsten Ländern der Welt. In Ghana fällt das Problem der „Heimsklaverei“ auf. In einigen Gebieten Ghanas werden vor allem Mädchen aufgrund der Verschuldung der Eltern von wohlhabenden Personen als Pfand beansprucht oder mit dem Versprechen auf Ausbildung und Jobs ausgebeutet. Dennoch wird dem Land von europäischen Beobachtern, verglichen mit den Nachbarländern, eine relativ hohe Beachtung der Menschenrechte attestiert.