Pasta statt Paragrafen Maria Aleksanjan aus Armenien

Maria Aleksanjan-Wiedow, Armenien

Sie hat Jura studiert, Zivilrecht an der Gladzor Universität in Eriwan, der Hauptstadt Armeniens. „Wissen Sie, bei uns ist es den Eltern wichtig, dass aus den Kindern etwas wird, dass sie etwas lernen und eine gute Schulbildung erhalten. Auch meiner Mutter war das wichtig und so bin ich 1998 von Vanadzor zum Studium nach Eriwan gegangen.“, erzählt Maria Aleksanjan-Wiedow.

Als sie 1988 zur Schule kam, hieß Vandazor noch Kirowakan, benannt nach Sergei Mironowitsch Kirow, einem Gefolgsmann Stalins, der am 01. Dezember 1934 im Alter von 48 Jahren von einem Attentäter erschossen wird. Ihre Mutter hatte dort nach der Schauspielschule ein Engagement am Theater erhalten.

Zunächst ging die kleine Maria Aleksanjan in den russischen Kindergarten. „Russisch war so etwas wie meine zweite Muttersprache. Ein Onkel von mir lebte in Russland. Viele Menschen sprachen hier Russisch. Das änderte sich 1991, als die Sowjetunion am Ende war. Ich wechselte an eine Schule, an der auch Englisch unterrichtet wurde. Sprachen lernen fiel mir leicht.“, so Aleksanjan-Wiedow. Und sie beschreibt die ersten Schuljahre. „Nach dem Erdbeben im Winter 1988 konnten wir das Schulgebäude nicht mehr betreten. Es drohte einzustürzen. In den Notbaracken stand ein Ofen, in dem Feuer gemacht wurde. Aber es wurde nicht warm und wir saßen mit Jacken im Klassenraum. Wir haben mit Kerzenlicht gelernt. Später hatten wir dann von November bis Ende März Ferien. Es war im Winter einfach zu kalt in den in den ersten Jahren danach.“ Bei einem Erdbeben am 07. Dezember 1988 in der Provinz Lori wurden mehr als 1 Million Menschen obdachlos, wenigstens 25.000 verloren ihr Leben.

Nach dem Schulabschluss geht die junge Frau in die Hauptstadt. Hier studiert sie Rechtswissenschaften an der juristischen Fakultät der Yerevan Gladzor University, lernt weiterhin Englisch und beendet das Studium nach einer Praxisphase 2003. Ihre Zukunft sieht sie allerdings nicht in der Juristerei. Stattdessen wechselt sie das Feld.

Armenien hat eine Tradition in der Bearbeitung von Diamanten. Eigene Vorkommen von Edelsteinen gibt es nicht, doch bereits zu Sowjetzeiten waren das Schleifen und Polieren und der anschließende Export von Diamanten eine wichtige Säule des Außenhandels. Das gilt bis heute. Maria Alkesanjan schult um, lernt monatelang die Besonderheiten der Steine kennen und prüft und sortiert sie, bevor sie nach Antwerpen in Belgien gehen.

Und 2006 geht sie dann selbst. Nach Schwerin. Sie besucht hier Freunde ihrer Mutter, die hier am Theater arbeiten. „Es war ein Versuch, den man nur macht, wenn man jung ist. Ich konnte zwar Armenisch, Russisch und Englisch sprechen, aber eben kein Deutsch. Aber ich habe mich getraut.“, wie sie sagt. Und der Versuch scheint geglückt.

„Als ich Armenien verlassen habe, wusste ich nicht, was kommt. Wir hatten schwierige Zeiten hinter uns: das Erdbeben, das Ende der Sowjetunion, den Krieg mit Aserbaidschan. Ich wollte mich entwickeln, etwas erreichen. In diesem Sinne sind wir Kämpfer.“, und diese positive Energie strahlt sie auch aus. Sie besucht einen Deutschkurs in Schwerin, später auch einen in Hamburg. Ihr Talent für Sprachen hilft. Und sie arbeitet. Zunächst als Baby-Sitter, dann mehr als zehn Jahre in der Gastronomie. Die Italienische Küche wird ihre Leidenschaft. Schweriner kennen ihre beruflichen Stationen: Casa Grande am Werderhof, Kristina in der Bahnhofstraße und Ciao Bella im Sieben-Seen-Center.

„Oft habe ich sechs Tage in der Woche gearbeitet und dann war ich froh, wenn ich mich einen Tag lang ausruhen konnte. Für mich war es immer wichtig, aktiv zu sein und mein Leben in die Hand zu nehmen. Ich verstehe manchmal nicht, warum sich ein Staat verhält wie Eltern, die ihren Kindern ständig alles geben und sie nicht motovieren, selber etwas zu tun. Irgendwann ist es zu spät. Und die Kinder werden Erwachsene, aber sie können nicht für sich selber sorgen. Schutz und Unterstützung sind gut, aber Motivation wäre manchmal besser.“, meint sie nachdenklich.

Hier in Schwerin lernt sie vor wenigen Jahren ihren Mann Artur Fidanyan (42) kennen. Er ist zu Besuch in der Stadt. Auch er kommt aus Armenien. Fidanyan hat viele Jahre in Russland gelebt und dort ein großes Restaurant geleitet. „Kaukasische Küche! Artur hat dort für viele berühmte Leute gekocht, auch für Putin.“, schmunzelt sie. „Und wir haben uns dann überlegt, gemeinsam in der Schweriner Innenstadt ein kleines und feines Restaurant zu eröffnen und nach einem passenden Ort gesucht. Als bereits alles unterschrieben war, wurde ich schwanger.“ Sie erzählt, wie dankbar sie für die Hilfe der Freunde ist, die dem Paar in dieser Zeit beim Renovieren, Einrichten und bei den Auseinandersetzungen mit Handwerkern zur Seite standen. „Am 18.März 2018 kam unsere kleine Karolin zur Welt. Vier Woche später haben wir unser Bistro „A. Maria“ in der Schmiedestraße eröffnet. Das „A“ steht für „Artur“.“

Für Schwerin wünschen sich Maria Aleksanjan-Wiedow und Artur Findanyan ein besseres Angebot für junge Leute, damit diese nicht zur Ausbildung und zum Studium die Stadt verlassen müssen. Dabei denken die Zwei sicher auch an die Zukunft ihrer Tochter Karolin. Wenn heute nach der Arbeit noch Zeit bleibt, gehen die Zwei gerne mit der Kleinen in den Schlosspark oder sie machen einen Ausflug an die Ostsee nach Boltenhagen.

Der Artikel ist am 14.07.2019 in der Schweriner Vorlszeitung erschienen.

Länderinfo Armenien

Die heutige Republik Armenien ist ein Binnenstaat im Kaukasus und liegt im Bergland zwischen Georgien, Aserbaidschan, dem Iran und der Türkei. Das Staatsgebiet umfasst den nordöstlichen Teil des ehemals viel größeren armenischen Siedlungsgebiets. Auf einer Fläche von der Größe Brandenburgs leben rund 3 Millionen Einwohner, allein 1 Million lebt in der Hauptstadt Jerewan/Eriwan. Mit der Auflösung der UdSSR wurde Armenien 1991 unabhängig.


Premierminister Nikol Paschinjan kam durch den Druck einer zivilen, massiven Protestbewegung 2018 an die Regierung. Armeniens Wirtschaft kommt seitdem in Schwung. Das Reformpaket der neuen Regierung forciert Wettbewerb, die Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen sowie Investitionen in die Infrastruktur. Die Arbeitslosigkeit sinkt, ist aber mit 18 % weiterhin hoch. Fast 36 der Bevölkerung leben unterhalb der nationalen Armutsgrenze. Noch immer beträgt der Anteil Rücküberweisungen der im Ausland lebenden Armenier rund 13 % des Bruttoinlandproduktes. Die Menschrechtslage und die Presse- und Medienfreiheit werden seit dem Regierungswechsel 2018 besser. Armenien zahlt einen hohen Preis für den ungelösten Konflikt mit seinem Nachbarn Aserbaidschan um die Region Bergkarabach. Anfang der 90er-Jahre verhängten Aserbaidschan und die Türkei eine bis heute andauernde Transport- und Energieblockade gegen Armenien. Diese schränkt die internationale Kooperation und Einbindung in überregionale Transportkorridore erheblich ein. Viele Chancen für eine Ausweitung der Handelsströme aus und nach Armenien bleiben somit ungenutzt. Die Blockade verteuert Transportkosten für Im- und Exporte (via Georgien und Iran).