Fast wäre sein Traum geplatzt Mohamed Najjari aus Tunesien

Mohamed Najjari

Die ersten zwei Nächte in Schwerin konnte ich nicht schlafen. Ich habe eine ganze Packung Zigaretten geraucht und kein Auge zu gemacht.“, sagt Mohamed Najjari. Der Tunesier kommt aus Ariana, einer Stadt unweit des Flughafens Carthage im Großraum der tunesischen Hauptstadt Tunis. „Es war mir einfach zu ruhig. Wo ich herkomme, ist es immer hektisch und laut. Auf der Straße, in der Luft, immer. Daran war ich gewöhnt. Diese Ruhe hier war mir fremd.“

Heute, nach 15 Jahren ist das anders. Inzwischen hat Mohamed Najjari sich an die Stille und das Tempo der Mecklenburger gewöhnt. „Es gibt einige Tunesier, die gerne nach Frankreich oder Deutschland gehen und dort arbeiten möchten. Ich gehörte nicht dazu. Mein Plan war eigentlich ein anderer.“, erzählt Najjari von der Entwicklung, die ihn nach Schwerin führte.

In Tunesien begegnet er 2001 einer jungen Schwerinerin, die dort mit ihrer Familie im Urlaub ist. Richtig kennen lernen sie sich damals nicht. Aber es entwickelt sich langsam eine Partnerschaft über das Internet. 2005 ist es soweit. Die Zwei heiraten. „Wir haben zweimal geheiratet. Einmal in Tunis und einmal hier.“, lacht Mohamed Najjari. Seine Frau Claudia plant den Umzug nach Tunis. Die Reiseverkehrskauffrau hofft, für einen deutschen Reiseveranstalter im Küstenort Monastir arbeiten zu können. 10 Tage vor der Hochzeit wird klar: das klappt nicht. Die Jobsuche bleibt erfolglos. Ihr Arbeitgeber schickt sie nach Spanien.

„Damals hatte ich eine gute Arbeit am Flughafen von Tunis.“, so Najjari. Er ist IT-Spezialist, „Technicien Superieur“. „Meine Eltern wollten eigentlich, dass ich Wirtschaft studiere, aber das war nicht meins.“ Er macht den Eltern zu liebe das Abitur in der Fachrichtung Wirtschaft. „Das war damals eine neue Fachrichtung. Und meine Eltern waren überzeugt, dass ich damit eine gute berufliche Zukunft haben könnte. Aber ich wollte etwas anderes.“

Mohamed Najjari sieht sich in den neunziger Jahren als „Generation dazwischen“. „Wir waren die, die auf der Straße mit anderen Kindern Fußball spielen, und die, die mit dem Spielen am Computer anfingen.“ Für ihn beginnt es mit einem Commodore 32 und wird zu einem Berufswunsch. Er möchte IT-Fachmann werden. Vier Jahre dauert seine Ausbildung zum Informatiker und Netzwerker.

Die Ausbildung ist teuer. Erst helfen seine Eltern bei der Finanzierung. Nach und nach verdient Najjari dann durch Nebenjobs sein eigenes Geld. „Mal ein Netzwerk installieren, ein paar Stunden im Cyber-Café, Leute beim Kauf von Computern beraten. Das ging damals ganz gut.“ Er fand schnell nach der Ausbildung gut bezahlte Arbeit.

Wenn es für seine Frau in Tunesien nicht klappt, so hofft er, könne es mit seiner Qualifikation für ihn in Deutschland vielleicht besser laufen. Aber das war nicht so.

In Schwerin angekommen besucht er einen Sprach- und Integrationskurs. Dann einen Grundlagenkurs EDV. „Das war alles nicht neu für mich. Der Dozent gab mir irgendwann die Schlüssel für den IT-Raum und sagte: „Mach mal, Du bist hier der Chef.“ Ich habe mich dann um die Hardware und das Netzwerk gekümmert. Gerne wäre ich anschließend Flugzeugmechaniker geworden oder hätte mich im Fernstudium auf IT-Sicherheit spezialisiert.“, erzählt er. Stattdessen folgen Praktika, Zeitarbeit, kleine Jobs und Frust.

2010 will er nicht mehr. Er geht zurück nach Tunis, will es dort noch einmal versuchen. Damals wird es unruhig in Tunesien. Die Revolution im Land beginnt. „Meine Frau machte sich Sorgen. Unsere Tochter war klein und dann war klar: Es muss in Schwerin klappen, irgendwie.“, so Najjari. Es wird eine Odyssee. Zeitarbeit, Kommissionierer bei Amazon in Bad Hersfeld, Produktionshelfer und andere Jobs. „Das war die Realität. Damit musste ich klarkommen.“ Anfang 2015 beginnt er als Sprachmittler bei der Schweriner WGS. Er spricht Arabisch, Französisch, Englisch, Deutsch und etwas Italienisch und Spanisch. Sein befristeter Vertag wird verlängert. „Ich war wirklich zufrieden. Die Arbeit war gut, das Arbeitsklima prima. Aber ich war auch traurig, denn mit einer Tätigkeit in der IT würde es wohl für mich nichts mehr werden“, sagt er.

Ein Zufall ändert wenig später alles. Eines Tages, Ende 2017, wird Najjari zur Personalabteilung und zur Geschäftsführung der WGS gebeten. „Ob ich etwas falsch gemacht hatte? Ich hatte keine Ahnung.“, so Najjari. „Und dann haben sie mich gefragt, warum ich mich nicht auf die interne Ausschreibung für den IT-Bereich beworben habe. – Von der Ausschreibung wusste ich nichts, weil ich im internen Firmennetz keine Zugangsberechtigung für die Informationen hatte. Ob ich das machen wolle? Das war wie ein Schock, so überraschend! Ich musste eine Nacht darüber schlafen. Sollte es doch klappen? Privat war ich die ganzen Jahre fachlich am Ball geblieben und traute mir das zu. - Ich habe zugesagt.“ Und die Freude darüber sieht man ihm heute noch an.

Najjari verantwortet gemeinsam mit einem Kollegen die fortschreitende Digitalisierung der Arbeitsprozesse der WGS. „Wir stellen das Modulweise um. 70 % haben wir schon. Ein paar sind in der Erprobung und bis Ende 2021 wollen wir fertig sein.“, ist er überzeugt.

Aktuell steht der Schulbeginn seines Sohnes an. „Die jungen Leute heute sind eine andere Generation. Da hat jeder sein Tablet oder Smartphone und sie spielen kaum noch zusammen auf der Straße.“, meint Najjari und gibt zu, dass auch er immer noch gerne am Computer spielt. „Für den Geschmack meiner Frau etwas zu viel.“, lacht er.

Länderinfo Tunesien

Die Tunesische Republik ist ein Staat in Nordafrika, der im Norden und Osten an das Mittelmeer, im Westen an Algerien und im Süd-Osten an Libyen grenzt. Tunesien ist etwa halb so groß wie Deutschland und zählt mit fast 12 Millionen Einwohner - 70 Einwohnern pro km² - zu den weniger dicht besiedelten Staaten.


In der Hauptstadt Tunis, der Namensgeberin des Landes, leben rund 1 Million Menschen. Alle wichtigen politischen und wirtschaftlichen Institutionen finden sich hier. Die große, vorgelagerte Insel Djerba ist bei Touristen aus Nordeuropa beliebt. Nach der Unabhängigkeit Tunesiens von Frankreich im Jahr 1956 verlassen viele Europäer – überwiegend Franzosen und Italiener – das Land. Sie haben zweitweise fast ein Viertel der Bevölkerung ausgemacht. In den achtziger Jahren hatte die Arabische Liga ihr Hauptquartier in Tunis, ebenso wie die PLO von 1982 bis 1993. Im Jahr 1985 wurde das Hauptquartier der PLO durch die israelische Luftwaffe bombardiert. Seit dem „Arabischen Frühling“, der auch in Tunesien ab 2010 viele Menschen auf die Straße brachte, hat nun Innenmister Mechichi den Auftrag, eine neue Regierung zu bilden. Er wäre dann der achte Ministerpräsident seit 2011. Hauptprodukte Tunesiens sind Bergbauprodukte, Textilien, Teppiche, Datteln und Olivenöl. Der Tourismus ist ebenfalls eine wichtige Quelle für das Einkommen des Landes. In Tunis hat die erste tunesische Automobilmarke WALLYSCAR ihren Sitz.