Einer, der sich nicht unterkriegen lässt Alper Benzeş aus der Türkei

Alper Benzeş, Türkei

Wir treffen uns zum Gespräch auf dem Gelände seiner Firma. Fast gleichzeitig fahren wir mit unseren Autos auf den Hof. Ich steige aus und gehe auf den Wagen von Alper Benzeş zu. Für einen Moment zögere ich, denn damit hatte ich nicht gerechnet: Alper Benzeş greift hinter sich und holt vom Rücksitz seines Autos einen Rollstuhl, den er zusammenbaut bevor er sich hineinsetzt. „Hallo, schön, dass Sie da sind! Kommen Sie mit.“, sagt er und rollt mir voraus in sein Büro. Er kocht einen türkischen Mokka und erzählt.

„Das war ein Unfall. Am 06. April 1995, auf dem Weg zur Arbeit in Istanbul, von Bakırköy nach Beşiktaş, hat ein Autofahrer meine Freundin und mich vom Motorrad geholt und ist abgehauen. Meine Freundin dann auch, als sie mitkriegte, dass das Leben für mich nur im Rollstuhl weitergeht.“, sagt er mit einem Lachen und zeigt Fotos von sich und seiner schicken Honda CBR 900, die wenige Tage vor dem Unfall aufgenommen wurden.

Aber spaßig war das nicht. Monatelang im Krankenhaus, dann medizinische Rehabilitation. Heute kommt er direkt von der Physiotherapie. Da ist er regelmäßig, trainiert und hält sich fit. Geboren ist Alper Benzeş 1973 in Hamburg. Seine Eltern waren als Gastarbeiter gekommen und als Alper 11 Jahre alt ist, geht die Familie zurück in die Türkei. Sein Vater eröffnet einen Gebrauchtwagenhandel. „Meine Mutter war krank und wollte zurück. Ich kam in die fünfte Klasse und musste erstmal Türkisch lernen. Sprechen konnte ich, aber Schreiben, Lesen, Grammatik nicht.“ Nach dem Abitur beginnt er in Istanbul mit dem Studium „Tourismus / Betriebswirtschaft“, verkauft Autos und pflegt seine Leidenschaft, das Motorradfahren. „Ich bin auch Rennen mit dem Motorrad gefahren, legale und illegale.“, lacht er.

Benzeş ist ein freundlicher, zugewandter Typ, einer der sich nicht unterkriegen lässt. „Oh, ich habe schon vieles gemacht. Irgendwie geht es immer weiter!“, und so setzt er sich nach dem Unfall Ende 1996 erstmals wieder hinters Lenkrad eines Autos. Mit einem Kumpel übernimmt er 1997 eine Gebäudereinigungsfirma, gründet wenig später einen Lebensmittelgroßhandel. „Wir hatten 250 Mitarbeiter, aber die Inflation mit fast 70%, zu viele Kunden, die ihre Rechnungen nicht bezahlten, das haben wir nicht gepackt und sind 2001 Pleite gegangen.“, sagt Benzeş.

Mit seinen Eltern zieht er nach Antalya. Dort arbeitet er in einem 5-Sterne-Hotel als „Guest Relation Manager“. „Die Gäste kamen aus viele Ländern und ich hatte mit den Wünschen und Beschwerden wirklich mit allem Möglichen zu tun.“ Und Alper Benzer sieht eine neue Chance. Zu Dritt gründen sie 2003 ein Reisebüro, wollen wieder auf eigene Faust Geschäfte machen. „Über das Internet hatte ich einen Mann in der Ukraine kennengelernt. Er hatte gute Kontakte und konnte Urlauber vermitteln. Wir wollten mit ihm Verträge machen. Von uns dreien war ich derjenige, der Englisch und Deutsch konnte und wir hatten noch genug Geld für einen Hin- und Rückflug nach Kiew und 100 Dollar. Ich flog hin und es hat geklappt!“, sagt er lachend und erzählt, dass sie ihn für verrückt hielten, als er sich im Rollstuhl allein auf den Weg machte. „Naja, rollstuhlfreundlich ist es in der Ukraine nicht. Aber auch nicht in der Türkei und selbst hier in Deutschland könnte manches besser sein.“

Nach gut zwanzig Jahren kommt er 2006 zum 18. Geburtstag seines Neffen wieder nach Deutschland. Und er bleibt, lebt und arbeitet in Parchim, Dortmund und nun in Schwerin.

Im Januar 2018 eröffnet er in der Landeshauptstadt einen Autohandel. Benzeş gibt seinem Unternehmen den Namen seines Lieblingsmotorades, der Triumph „DAYTONA“. „Es stimmt schon, dass es ein paar Schlitzohren unter den Autohändlern gibt. Aber das sind eben nicht alle. Du musst gute Autos ankaufen, solche die dir keine Kopfschmerzen machen. Der Kunde bekommt hier ein Auto mit zwei Jahren TÜV und er hat Gewährleistung. 99% meiner Kunden sind Deutsche. Ehrlichkeit und Offenheit zahlen sich aus. Und es ist ein harter Markt. Da heißt es erstmal wirtschaftlich am Leben bleiben.“ Das will Benzeş auf jeden Fall und so hat er mit seinen Mitarbeitern gerade ein Tagesseminar zur professionellen Aufbereitung von Fahrzeugen absolviert. Er zeigt die neu eingerichtete, frisch gestrichene Halle nicht ohne eine Spur von Stolz. „Eine Investition, die sich lohnt.“, ist er überzeugt.

Benzeş mag das Leben hier. Er würde gerne mal wieder Segeln gehen und auch Rad fahren. „So ein Bike, dass ich mit den Händen fahren kann, wäre toll. Aber die Dinger sind teuer.“ Mit seiner Frau Maria geht er gern mal essen beim Italiener in der Schweriner Altstadt. Sie ist gerade bei seiner Mutter in Antalya. Begegnet ist er Maria vor ein paar Jahren in einer Eisdiele in Berlin. Sie versuchte auf Englisch ein Eis zu kaufen und weil der Verkäufer sie nicht sofort verstand, hat Benzeş ihr geholfen. Sie ist Russin. Er zeigt ein Bild von Maria und sich am Zippendorfer Strand, Kerzen brennen im Sand, sind als ein großes Herz dort aufgestellt. Es ist der Abend, an dem er ihr einen Heiratsantrag macht. Seit einem Monat sind sie verheiratet. Gefeiert wird mit Freunden im September in Schwerin.

Länderinfo Türkei

Die Republik Türkei erstreckt sich geographisch über zwei Kontinente, Europa und Asien. Sie liegt überwiegend in Vorderasien, doch gehört auch das europäische Osttrakien zum Staatsgebiet. Durch die strategisch günstige Lage und die Kontrolle über den Bosporus, die Verbindung zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer, hat die Türkei großen Einfluss in der Region und im Nahen Osten.


Die Türkei ist für uns nah und gleichzeitig fern. Menschen türkischer Herkunft sind unsere Nachbarn, türkische Ferienparadiese unsere Reiseziele im Urlaub. Konstantinopel, das heutige Istanbul, kennen wir aus dem Unterricht. Lange wurde die Türkei als eine nach Westen orientierte säkulare Republik wahrgenommen. Heute steht der Islam im politischen und gesellschaftlichen Leben im Vordergrund. Mit 81 Millionen leben in der Türkei fast so viele Einwohner wie in Deutschland, allerdings ist das Land doppelt so groß. In der Hauptstadt Ankara leben knapp 5 Millionen, in Istanbul fast dreimal so viele. Staatsoberhaupt und Regierungschef des NATO-Mitglieds Türkei ist Recep Tayyip Erdogan. Er regiert das Land nahezu autokratisch. Die wirtschaftliche Situation der Türkei ist sehr widersprüchlich. Es besteht eine sehr große Kluft zwischen dem industrialisierten Westen einerseits und dem agrarisch strukturierten und wenig entwickelten Osten andererseits. Die Türkei hat mit rund 3,7 Millionen Flüchtlinge, überwiegend aus Syrien, seit 2015 weltweit mit Abstand die meisten Menschen aufgenommen. Zugleich ist die Türkei der Länder, aus denen auch Menschen fliehen. Allein im Jahr 2018 gab es 29.723 Asylanträge, die Bürger aus der Türkei in anderen Ländern gestellt haben. Am erfolgreichsten waren hierbei die Anträge in Peru und in Togo.