In Nairobi ist sie "Mother Goose Kenia" Kerry Türk aus Kenia

Kerry Türk aus Kenia

„Woher kommen Sie? Oh, Sie kommen aus Kenia? Da war ich auch schon einmal! Ein schönes Land! - Das höre ich oft, und dann kommen wir ins Gespräch über Kenia und das freut mich sehr.“ lacht Kerry Türk und erzählt über ihre Erlebnisse auf dem Schweriner Altstadtfest am Pfaffenteich. Hier flechtet sie vor allem jungen Mädchen eine hübsche Strähne ins Haar. „Sie möchten schön aussehen zum Schulanfang.“ Ihre eigene Schullaufbahn ist eine besondere Geschichte. Sie macht Mut.

Kerry Muthoni Kimani wächst in Molo, einer Stadt im Osten Kenias, mit 6 Geschwistern auf. Die Region war in der Kolonialzeit ein Anziehungspunkt für die englischen Landwirte. Der Boden ist fruchtbar, das Klima angenehm kühl. Für den Abtransport gewaltiger geschlagener Holzmengen über den Hafen Mombasas bauten die Engländer einen Bahnanschluss. Heute dominieren der Anbau von Kartoffeln und Tanacetum, einer Pflanze aus der Pyrethrum als Grundstoff für ein Insektizid gewonnen wird.

Das Schulsystem Kenias orientiert sich bis heute am britischen Vorbild. Kerry besucht eine der Dorfschulen. Den Besuch einer der besseren Schulen kann sich ihre Mutter nicht leisten. Kerry ist eine gute Schülerin. „In den höheren Klassen wurden die Jungs und die Mädchen getrennt unterrichtet. Das fand ich schlimm. Das war, als stecke man alle Dummen in einen Sack. Die Jungs wurden gefördert und die Bildung der Mädchen wurde nicht ernst genommen.“, erzählt sie. Kerry ist ehrgeizig und sie lernt gern. Sie sucht den Kontakt zu den Jungs und besucht den Unterricht in Physik, Chemie, Biologie und Mathematik. Wenn der Mathematiklehrer mal wieder nicht in der Klasse ist, übernimmt sie den Unterricht. „Kerry, mach Du weiter! Sagte er und gab mir sogar seine Bücher.“, lacht sie. Einer ihrer Brüder unterstützt sie. 2004 ist Kerry Muthoni Kimani die allererste Schülerin an der Molo Secondary School 220, die eine Zulassung zur Universität schafft. „Alle waren aufgeregt, als die Prüfungsergebnisse veröffentlicht wurden. Die stehen bei uns sogar in der Zeitung.“ Kerrys Noten sind so gut, dass sie ein Stipendium für das Studium erhält.

„Auch heute, 15 Jähre später, wird an der Schule immer mal wieder von mir erzählt. Ich bin für viele Mädchen ein Vorbild. Sie wissen jetzt: Mädchen können es schaffen! 2019 haben es 10 Mädchen an die Universität geschafft.“, freut sich Kerry Türk. „Vielleicht musste ich deshalb dort zur Schule gehen. Alles hat einen Sinn. Manchmal erkennt man das nicht sofort.“

An der Universität in Nairobi lebt sie auf dem Campus und studiert Mathematik, Ökonomie und Soziologie. Nach dem Studium eine Arbeit zu finden ist schwer. „Bei uns hat man keine Wünsche. Man nimmt, was kommt.“, so Kerry Türk. Sie hätte gerne in einer Bank gearbeitet. Stattdessen wird sie Ghostwriter für Studierende, die sich gegen Bezahlung bei Haus- und Abschlussarbeiten helfen lassen. „Das hat nicht immer geklappt. Einmal hatte ich den Auftrag, eine Arbeit über den Baustil der Gotik für einen Architekturstudenten zu schreiben. Ich habe im Internet gesucht, aber ich hatte keine Vorstellung von dem, was Gotik ist. Heute, nachdem ich in England war und in Deutschland lebe, weiß ich es besser und könnte die Arbeit schreiben. Damals musste ich das Honorar, ganze 50 US$, zurückzahlen.“; lacht sie.

Das Ökonomiestudium, die Theorien von Keynes und Marx, haben Kerry Muthoni Kimani letztlich nach Schwerin gebracht. „Das war Zufall. Eigentlich hatte ich mich in Richtung Japan orientiert. Ich habe Japanisch gelernt und mich in Nagasaki und Hiroshima an der Universität beworben. Ich war total verrückt nach Japan. Da wollte ich hin. Und plötzlich taucht da ein Deutscher auf.“

Christof Türk aus Schwerin studiert Volkswirtschaft in Wien. In einem Internetportal, sie nennt es eine Art „online-Kneipe“, lernen sich die beiden 2011 kennen. „Von Deutschland hatte wir in Kenia ein sehr schlechtes Bild. Wenn meine Mutter auf uns Kinder sauer war, drohte sie uns mit einem „3. Weltkrieg, schlimmer als bei Hitler“. Da ist es klar, dass es Vorbehalte gegen jungen Mann aus Deutschland gibt.

Im Februar 2012 reist Christof Türk nach Kenia. Es ist der Tag der Beerdigung eines Cousins von Kerry Muthoni Kimani. 400 Gäste kommen zur Beisetzung und Christof Türk muss mit. Er setzt sich mit allen anderen an den Tisch und wird in der Familie akzeptiert. „Leicht war das nicht. Mein Vater was nicht begeistert. Nach der örtlichen Sitte hätte Christoph Brautgeld bezahlen sollen. Aber ich wollte nicht das Gefühl haben, verkauft zu werden. Meine Mutter hat uns von Herzen Glück gewünscht.“ Und so heiraten die beiden im Sommer 2012 im Schweriner Standesamt.

„Schwerin ist heute mein zweites Zuhause. Unser Sohn Anselm ist hier geboren. Ich bin hier nicht in Kenia und ich lebe auch nicht wie dort. Doch die Menschen in meiner Heimat sind mir sehr wichtig.“ sagt Kerry Türk. Sie engagiert sich von Schwerin aus für junge Frauen in ihrer Heimat. Als „Mother Goose Kenia“ bemüht sie sich um den Aufbau eines Kindergartens nach deutschem Vorbild und die Ausbildung von Erzieherinnen sowie um die Vermittlung von Arbeitskräften. Ihr aktuelles Projekt ist die Herstellung und der Vertrieb von „mobilen, öffentlichen Stillkabinen“, in denen Mütter ihre Säuglinge auch am Arbeitsplatz oder in Einkaufszentren stillen können. Acht Prototypen sind gerade im Test. Vielleicht steht ja auch bald ein Exemplar in Schwerin.

Länderinfo Kenia

Die Republik Kenia grenzt an den Sudan, Äthiopien, Somalia, Tansania, Uganda und den Indischen Ozean in Ostafrika. Fossile Funde lassen vermuten, dass in diesem Gebiet schon vor 20 Millionen Jahren Vormenschen lebten.


Kenias Bruttosozialprodukt wächst seit Jahren im Vergleich zu afrikanischen Staaten stark. Da auch die Bevölkerung schnell wächst, schlägt sich dies nicht in einer wesentlichen Verbesserung der Lebensverhältnisse der meisten der rund 48 Millionen Kenianer nieder. Die Regierung sieht Bildung als wichtigstes Mittel für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes an. Mit 26 % des Nationalbudgets für Bildung ist Kenia Vorreiter in Afrika. Die Analphabetenrate liegt bei rund 21 Prozent. Kenia lebt vom Kaffee-, Tee- und Schnittblumenexport, von der Industrieproduktion (Maschinen- und Fahrzeugbau, Textil und Bekleidung, Ernährung und Genussmittel) und vom Tourismus. – Unklare Aussichten: Sicherheitsprobleme, politischer Zwist und drohende Überschuldung dämpfen die Hoffnungen auf wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Stabilität. Die Wahlen 2017 wurden vom Obersten Gericht für null und nichtig erklärt und dann wiederholt, ein Präzedenzfall. Schwächen in der Organisation der Wahlen waren angeprangert worden: Mehr als 9 Millionen potenzielle Wähler standen offenbar nicht im Wahlregister, dafür sollen darin nahezu drei Millionen Stimmberechtigte enthalten gewesen sein, die im Verlauf der vergangenen 20 Jahre gestorben sind. Erstmals in Afrika erwies sich eine staatliche – nicht militärische - Institution, als stärker als der Machthaber.