Zwei Vorname, zwei Nachnamen Jorge Mario Patiño Taborda aus Kolumbien

Mario Patiño

Seine Kollegen im Schweriner Kabelwerk kennen ihn als Mario Patiño. Das ist die Kurzfassung von Jorge Mario Patiño Taborda. Grundsätzlich setzt sich ein kolumbianischer Name meist aus zwei Vornamen (Nombres) und zwei Nachnamen (Apellidos, jeweils dem des Vaters und der Mutter) zusammen und wird dadurch etwas länger als bei uns üblich.

Kupferkabel und Drahtziehmaschinen sind die Arbeitswelt von Mario Patiño (28). „Ich fange gerne morgens früh mit der Arbeit an. Heute um 06:12 Uhr. Als Prozessingenieur habe ich die Aufgabe dafür zu sorgen, dass die Anlage läuft. Wenn die Mitarbeiter in der Fertigung ein Problem haben, muss ich die Lösung finden. Manchmal sind die Probleme nicht so leicht zu erkennen, aber mir macht die Arbeit Spaß. Die Kollegen sind nett und ich lerne viel.“

Seit dem Sommer 2018 lebt und arbeitet der Maschinenbauingenieur aus Kolumbien in der Landeshauptstadt. Der Arbeitgeber, die Prysmian Kabel und Systeme GmbH, ist mir sechs Fertigungsstätten größter inländischer Kabelhersteller und Weltmarktführer in der Kabelindustrie. Hier am Standort Schwerin werden Mittel- und Niederspannungskabel sowie PVC- und Gummifüll-Mischungen produziert.

Aufgewachsen ist Patiño in Medellin. „Viele denken da sofort an Pablo Escobar, den Drogenhändler und die „Mord-Hauptstadt der Welt, Aber das ist lange vorbei. Da hat sich viel geändert. Wir sind die einzige Stadt in Kolumbien mit einem guten öffentlichen Verkehrssystem mit S-Bahn-Linien und Seilbahnen, die in die Wohngebiete an den steilen Hängen führen.“, sagt er. Die Stadt, auch Hauptstadt des ewigen Frühlings genannt, ist berühmt für ihre Gartenanlagen, ihre Blumen und die Vielfalt der heimischen Orchideen.

Ein Freund seiner Schwester gab den Anstoß für die Idee Patiños nach Deutschland gehen zu wollen. „Als ich zehn Jahre alt war, brachte er mir eine CD von Rammstein mit. So etwas hatte ich noch nie gehört. Da war mir klar, die Sprache möchte ich verstehen. Die Kultur möchte ich kennenlernen!“ Aber zunächst wird er mit 17 Jahren für ein Jahr Austauschüler in Westpoint, Mississippi USA. Nach der Schule studiert er Maschinenbau in Kolumbien.

Für Philip Morris, Kolumbien, arbeitet er in der Instandhaltung von Produktionsanlagen für die Tabakverarbeitung. Er wird Teamleiter und wartet Maschinen, die in Deutschland von der Hauni Körber Gruppe hergestellt wurden.

„Ich hatte alles, eine gute Arbeit, ein Auto, eine Wohnung und eine tolle Freundin. Doch ich sagte 2015 zu mir selbst: Du bist jetzt 25 Jahre alt, wenn Du jetzt nicht nach Deutschland gehst, machst Du das niemals. Ich wollte wissen, wie es ist, in dem Land, das zwei Weltkriege verloren hat und wenig später zu den führenden Industrienationen gehört.“

Er hat Glück. Seine Tante leiht ihm das notwenige Geld für die Reise und das Masterstudium „Automotive and Mechanical Engineering“ an der Hochschule in Esslingen. „Das Studium war auf Englisch. Wir waren 28 Leute. 23 kamen aus verschiedenen Ländern, fünf waren Deutsche. Inzwischen habe ich meiner Tante fast alles zurückgezahlt.“ Die Abschlussarbeit schreibt er auf bekanntem Terrain für Universelle, ein Unternehmen der Hauni Körber Gruppe in Schwarzenbeck und erhält für seine gute Leistungen eine Auszeichnung der FESTO AG & CO. KG.

Patiño hat festgestellt, dass die Arbeitsmentalität der Kollegen in Schwerin und in Kolumbien sehr ähnlich ist. Doch es gibt auch Unterschiede. „In Lateinamerika gilt: Je mehr Du mit den Arbeitskollegen auch privat Beziehungen pflegst, desto besser ist es für deine berufliche Situation. Hier ist das anders. Arbeit ist Arbeit und Privat ist Privat. Das ist wohl normal hier in Deutschland. Ich habe Leute kennengelernt, die haben 40 Jahre miteinander gearbeitet und wissen nicht, wie der Kollege heißt. Das war eine richtige Überraschung für mich.“, sagt er und räumt ein, dass er sich in Schwerin manchmal recht einsam fühlt. „Wenn in Lateinamerika ein Neuer kommt, sind die Leute neugierig und fragen Dich aus. Oh, Du hast blaue Augen! Woher kommst Du?“, er lacht. „Hier kommst du, du bist fremd und Schluss. Das ist nicht schlecht. Es ist anders. Unterschiedliche Lebensweisen sind doch interessant.“

Seine Freundin, Valeria, lebt in Bergedorf. Die Wirtschaftsingenieurin arbeitet dort in einem Maschinenbauunternehmen. Sie wollen zusammenziehen. Bis es soweit ist, pendeln sie an den Wochenenden. In Schwerin gehen sie gerne in den Kletterwald oder an den Strand in Zippendorf.

Nach Feierabend läuft Mario Patiño gerne mal eine Stunde um den Pfaffenteich, spielt auf seinem Synthesizer, lernt für die Fahrerlaubnis oder sieht auf Netflix eine Serie, auch um Deutsch zu lernen. Patiño versteht sich als Reisender, jemand, der beobachtet und lernt, während er hier lebt und Arbeit. Und so sieht er seine berufliche Zukunft eher global als lokal: „Vielleicht bin ich als Servicetechniker weltweit unterwegs und nehme Anlagen in Betrieb. Mir gefällt es, auch ganz praktisch Hand anzulegen und mit den Kollegen gemeinsam zu arbeiten. Und dann möchte ich irgendwann meinen Kindern von all den Dingen erzählen.“, lacht Mario Patiño.

Länderinfo Kolumbien

Die Republik Kolumbien, die Heimat von Shakira, Juan Pablo Montoya, Pablo Escobar und Gabriel García Márquez ist mehr als dreimal so groß wie Deutschland. Sie liegt im nördlichen Teil von Südamerika sowohl am Pazifischen Ozean als auch am Karibischen Meer. Nachbarn sind Panama, Venezuela, Brasilien, Peru und Ecuador. Der Namensgeber, Christoph Kolumbus, hat das Land nie betreten. Bogotá ist wirtschaftliches und kulturelles Zentrum und Hauptstadt des Landes. Fast 8 Millionen der 49 Millionen Einwohner leben hier.


Kolumbien steht bei Produktion von Nelken weltweit an erster, bei Schnittblumen insgesamt an zweiter Stelle. Es ist wichtiger Kohleexporteur, der viertgrößte Kaffee-Produzent der Welt und steht bei der Produktion von Bananen mit mehr als 1.5 Mio. Tonnen weltweit an fünfter Stelle. Bei der Produktion von Kartoffeln ist Kolumbien in Lateinamerika führend. Doch die Arbeits- und Lebensbedingungen sind für viele Menschen vergleichsweise schlecht. Auch der Drogenanbau spielt seit vielen Jahren eine prägende Rolle in der Wirtschaft des Landes. Trotz des Ende 2016 unterzeichneten Friedensvertrags zwischen den ehemaligen Farc-Rebellen und der Regierung kommt es weiterhin zwischen und unter den verbliebenen Guerillagruppen und Paramilitärs und mit der kolumbianischen Armee immer wieder zu massiven Vertreibungen der Zivilbevölkerung. So gibt es mehr als 7,8 Millionen Binnenflüchtlinge, die meisten von ihnen Kleinbauern aus der pazifischen Küstenregion und der Grenzregion zu Venezuela. In Folge der Spannungen in Venezuela flohen mehr als 1,3 Millionen Venezolaner nach Kolumbien.