„Kluge Köpfe gehen, goldene Zähne bleiben“ Dimitri Tsatskis aus Weißrussland

Dimitri Tsatskis, Weißrussland

„Montag passt es nicht so gut. Nach dem Wochenende habe ich immer wirklich zu tun.“, sagt Dimtri Tsatskis. Der selbstständige Computerspezialist aus Weißrussland muss am Wochenbeginn seinen Kunden dabei helfen, die Probleme zu lösen, die am Wochenende aufgetreten sind. „Kommen Sie am Dienstag gegen 17 Uhr. Dann ist es ruhiger, hoffe ich.“ - Richtig ruhig ist es aber auch am Dienstag nicht. Kunden kommen in den Laden, kaufen Speicherelemente, das Telefon klingelt und ein Mitarbeiter braucht seinen Rat. Das ist seit mehr als 10 Jahren Tsatskis Alltag.

1975 kommt Dimitri Tsatskis in Bobruisk, etwa 150 km südöstlich von Minsk, zur Welt. Hier lebt er die ersten Jahre. Sein Vater ist bei der Armee und die Familie zieht häufig um. Asgabat, Sarmakand, Taschkent sind einige der Stationen. Fünfmal wechselt er die Schule bis zum Abschluss.

„Ich hatte den Eindruck, dass sich die Menschen in der damaligen Sowjetunion ganz gut verstanden haben. Die Mentalitäten waren ähnlich, Russisch die verbindende Sprache und ich glaube, es gab weniger Neckereien zwischen Weißrussen oder Usbeken als zwischen Mecklenburgern und Bayern.“, lacht Tsatskis. „Das hat sich in den 90er Jahren geändert. Viele Menschen haben das Land verlassen. Auch Ärzte, Lehrer, Ingenieure. „Kluge Köpfe gehen, goldene Zähne bleiben“ hieß ein Sprichwort damals.“, ergänzt er nachdenklich.

Tsatskis gründet in Taschkent eine Familie und beendet 1997 sein Studium in der IT als Systemingenieur. Einige Zeit arbeitet er für ein südkoreanischen Mobilfunkanbieter. „Ich konnte gut Englisch und bekam ein Gehalt in US$. Auf dem Basar war der Wechselkurs hoch. Das war zwar nicht im Sinne des Volkes, aber viele haben das gemacht.“, schmunzelt Tsatskis. „Nebenbei haben wir Handys aus den USA verkauft. Ich hatte ein gutes Leben.“

Sein Vater macht sich im Import/Export selbstständig. Geschäftspartner ziehen ihn über den Tisch. Er muss sein Unternehmen schließen. Der Familienrat beschließt auszuwandern. Im Herbst 1999 geht es für alle mit ein paar Koffern nach Frankfurt/Main. Wismar, Rostock oder Schwerin standen zur Auswahl. Es wird die Landeshauptstadt. „Wir hatten gehört, in Norddeutschland sei es kalt. Aber als wir ankamen, war bestes Wetter. Die Sonne schien und es war warm.“, sagt Dimitri Tsatskis. „Zu Anfang sind wir hier dann mit Russisch besser klargekommen als mit Englisch. Viele Leute aus der DDR konnten uns ganz gut verstehen.“

Tsatskis erinnert sich, dass er keine Erwartungen an Unterstützung für den Neuanfang in Schwerin hatte. „Die Miete wurde übernommen, die Sprachkurse wurden bezahlt. Als Starthilfe war das sehr gut. Wir hatten nette Nachbarn auf dem Dreesch. Uns war klar, dass wir uns selber kümmern müssen.“ Und das machen Dimitri Tsatskis und seine Frau auch.

Die ausgebildete Krankenschwester absolviert einen Lehrgang in Stralsund. Danach wir ihre Ausbildung anerkannt. Der Hochschulabschluss von Dimitri Tsatskis nicht. „Da war ich enttäuscht.“ so Tsatskis.“ Doch auch ohne die Anerkennung fasst er Fuß. Für ein Rostocker IT-Unternehmen programmiert er und bewirbt sich weiter. „90% der Bewerbungen konnte ich auch in den Mülleimer werfen. Darüber bin ich nicht böse. Ich kam aus einem anderen Land und ITler wurden nicht so sehr gesucht. Heute wäre das anders.“ - Tsatskis wird arbeitslos.

Dann erfährt er von der „Ich -AG“. Das Konzept der „Ich-AG“ tritt mit dem Gesetzespaket „Hartz II“ Anfang 2003 in Kraft. Arbeitslosen soll der Einstieg in die Selbstständigkeit erleichtert werden. Sie können für die Gründung eines Unternehmens einen Zuschuss erhalten. Das wird sein Weg.

„Ich hatte nichts zu verlieren und habe den Schritt gewagt. 2004 habe ich mein erstes Gewerbe angemeldet. Als Dozent habe ich Erwachsene in der Computerbedienung unterrichtet. Erst hatte ich Zweifel, ob das klappt, auch wegen der Sprache. Aber ich habe mich gut vorbereitet und gemerkt: Ich kann das.“ Als nächsten Schritt mietet sich Tsatskis in einem TV-Geschäft am Dreescher Markt ein und bietet PC-Beratung und Reparaturen an. Langsam baut er sich einen Kundenstamm auf. Mit einem Landsmann gründet er die UniCom Service OHG. Nach ein paar Jahren trennen sich die beiden und Dimitri Tsatskis geht seinen eigenen Weg. Seit 10 Jahren ist er nun Geschäftsleiter der „Perfectum Computersysteme“ in der Goethestraße. „Als IT-Dienstleister bieten wir unseren Kunden einen Werkstatt-Service und IT-Service rundum PCs, Notebooks, EDV-Technik aller Art. Bei unseren Geschäftskunden betreuen wir Netzwerke vor Ort und auch online. Der Terminplan ist voll und die Arbeit macht mir viele Freude Ich glaube, die meisten unserer Kunden sind ganz zufrieden. Natürlich sind wir auch Mitglied in der IHK zu Schwerin und zahlen unsere Beiträge.“, lächelt Tsatskis.

Sich ehrenamtlich zu engagieren, das schafft Tsatskis nicht neben der vielen Arbeit. Aber als Sponsor unterstützt er die Tischtennisspieler des VfL- Schwerin 1990 e.V.. „Nach 20 Jahren in Schwerin haben wir viel erreicht. Wir sind deutsche Staatsbürger, unsere Tochter arbeitet in Berlin als medizinische Ernährungsberaterin, unser Sohn besucht das Gymnasium. - Wer sich wirklich darum bemüht und die richtige Einstellung hat, kann das schaffen.“, ist Dimitri Tsatskis fest überzeugt.

Länderinfo Weißrussland

Weißrussland, amtlich die Republik Belarus – ist ein osteuropäischer Binnenstaat, der an Polen, die Ukraine, Russland, Lettland und Litauen grenzt. Bei der Auflösung der Sowjetunion 1991 wurde die Weißrussische Sozialistische Sowjetrepublik unabhängig.


In der Hauptstadt Minsk lebt gut ein Fünftel der 9.5 Millionen Einwohner. Weißrussland ist Mitglied in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Präsident Aljaksandr Lukaschenka regiert das Land seit 1994 autoritär. Wichtigster Handelspartner ist Russland. Präsident Lukaschenka bemüht sich, die Wirtschaftsbeziehungen zu diversifizieren, ohne innenpolitisch an Macht zu verlieren. Immer wieder wendet er sich auch an die EU. - Nach den letzte Wahlen 2015 entließ er einige inhaftierte Oppositionelle. Er weiß, schon kleine Schritte stimmen EU-Funktionäre milde. Besonders umstritten: Die erheblichen Sanktionen gegen Belarus lockerte die EU inzwischen. Übrig blieben ein Waffenembargo sowie Reise- und Vermögenssperren gegen wenige Personen – trotz seit zwei Jahrzehnten verschollener Oppositioneller. Weißrussland und der dortige Fußball tun zurzeit so, als gäbe es keine Corona-Pandemie. Das hat Folgen. Während im restlichen Europa der Ball ruht, rollt er in Belarus weiter. Die weißrussische Premier Liga hat seit ihrer Entscheidung, unverändert vor Zuschauern in den Stadien zu spielen, neue Verträge mit TV-Anstalten aus zehn Ländern, darunter Russland, Israel und Indien, an Land gezogen. Die Kasse klingelt. Aljaksandr Lukaschenka spielt die Coronavirus-Gefahr öffentlichkeitswirksam herunter. Beim Eishockey spielen sagt er jüngst in einem Fernsehinterview zur Corona-Pandemie: "Es ist besser stehend als auf Knien zu sterben". - „Wodka auf Ex“ hält er für eine Medizin.