Sie tanzt sich von Sofia nach Schwerin Eliza Kamenova Kalcheva

Eliza Kamenova Kalcheva, Bulgarien

"Deutsch habe ich durch Zuhören gelernt. Ich habe mich gezwungen ins Schweriner Theater zu gehen und mir ein paar Schauspielproduktionen anzugucken. Und dann sitzt du da und die Vorstellung dauert 2 Stunden und du verstehst von dem ganzen Text nur 3 bis 5 Worte.“, sagt Eliza Kalcheva. „So viele Zungenbrecher und Kopfschmerzen.“

Heute liest die junge Bulgarin am liebsten Krimis. „Und ‚Psychothriller‘, bei denen dein Gehirn mal ein bisschen arbeiten kann.“, lacht sie und sagt: „Schreiben muss ich in meinem Beruf als Balletttänzerin ja nicht.“ Seit 2010 gehört Eliza Kamenova Kalcheva zum Ensemble des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin.

„Ehrlich gesagt, mein Schweriner Freund war schockiert, als er zum ersten Mal mit mir in Sofia war.“ Dort ist Kalcheva aufgewachsen. Sie erzählt von Bürgersteigen, die wie Wellen sind, spricht von Kabeln, die scheinbar ohne Sinn und Zweck zwischen Häusern hängen. „Das ist nicht überall so. Das Stadtzentrum ist sehr schön. Vieles ist renoviert, es gibt mega moderne Gebäude. Direkt daneben stehen Häuser, die zu Ruinen verfallen. Irgendwie halb lebendig, halb tot. Aber es ist meine Stadt und ich fange erst jetzt an sie zu entdecken.“

Dazu hatte Eliza Kalcheva in ihren jungen Jahren kaum Gelegenheit. Ihre Mutter meldet das quicklebendige Mädchen schon in der 1. Klasse zum Tanzunterricht an. Ein Ballettmeister aus Russland unterrichtet sie. „Ich habe ihn immer mit großen Augen angesehen. Für mich war er eine Ikone.“, sagt Kalcheva.

Sie ist 10 Jahre alt und in der 4. Klasse, als sie die Ausbildung zur Balletttänzerin an der Bulgarian National School of Dance Art in Sofia beginnt. „Anfangs wollte ich nicht. Ich wollte bei meinen Freundinnen bleiben. Der Deal mit meiner Mutter war, dass ich nach einem Jahr Probe auch wieder an meine alte Schule zurück konnte.“, lächelt sie.

Das Aufnahmeverfahren hat es in sich. Erste Runde: medizinischer Check. Zweite Runde: Beweglichkeit und Musikalität testen. Dritte Runde: zur Musik improvisieren und tanzen. „Viele Bewerber haben das nicht geschafft.“ sagt Kalcheva. „Mit 26 Kindern ging es dann los.

Es war eine komplett andere Welt. Wir hatten morgens Unterricht, auch Mathematik, Chemie und Bulgarisch, natürlich. Und am Nachmittag noch Proben. Nach kurzer Zeit war mir klar: ich möchte auf keinen Fall zurück. Aber je weiter du kommst, desto schwieriger wird es.“

Diskotheken, Bars oder Kino waren für die Jugendliche tabu. Dazu blieb keine Zeit. Das Programm war umfangreich: klassisches Training, Spitzenschuhe, Charaktertanz, bulgarische Tänze, Pas de Deux, moderne Tänze, Klavier spielen lernen. „Wir mussten 3 Stücke vorspielen. Noten lesen kann ich nicht. Ich habe mich auf die Hände meiner Klavierlehrerin konzentriert. Erst die linke, dann die rechte und dann beide zusammen. Das war schwierig und es hat geklappt!“, lacht Eliza Kalcheva.

„In der 6. Klasse steckte ich in einer Krise und wollte aufhören. Als Kind vermisst du deine Freunde, willst draußen spielen und Pizza, Pasta, Pommes essen, Cola trinken und nicht ständig deine blutenden Zehen ansehen. Ich habe geweint. Meine Mutter hat mir damals sehr geholfen. Nach 9 Jahren, in der Abschlussklasse, waren wir noch 10 Frauen und 4 Männer.“

Für ein Jahr erhält Kalcheva ein Stipendium zum Besuch einer Tanzcompany in Chicago, USA. Es für sie das Sprungbrett zum Ensemble des Mecklenburgisches Staatstheaters.

„Eines Abends rief meine Ballettlehrerin aus Sofia an und sagte, in Schwein wird dringend eine Tänzerin gesucht. Es war ein Mittwoch. Und Samstag war ich unterwegs.“

Das war im Januar 2010. „Eine Kollegin hat mich am Hamburger Flughafen abgeholt. Um 20:15 Uhr kamen wir hier an. Der Schnee ging mir bis zum Knie. Auf der Straße war kein Mensch zu sehen. Es war, als wäre unser Auto das einzige in der Stadt. Okay, dachte ich, das scheint ein bisschen langweilig hier.“ Doch das hat sich dann schnell geändert.

Nach dem Vortanzen und ein paar Tagen Training mit den Kollegen bekommt Eliza Kalcheva ihre erste Rolle in „Antigone“ im E-Werk. Ihre erste Premiere wird „Giselle“. „Das Schweriner Publikum liebt Handlungsballett und Spitzenschuhe und auch ich mag das Klassische.“, strahlt Kalcheva, „Auch das Rockballett“ und „Der Widerspenstigen Zähmung“ haben echt viel Spaß gemacht. - Seit ein paar Jahren lächeln mich manchmal Menschen in der Stadt an oder sagen, dass ihnen mein Auftritt gefallen hat.“

Eliza Kalcheva ist heute 30 Jahre alt. „In diesem Job darfst du kein Weichei sein.“, sagt sie und es ist ihr klar, dass kaum eine Tänzerin auf der Bühne 45 Jahre alt wird. Sie möchte möglichst lange tanzen. Den notwendigen Optimismus und die Energie dazu strahlt sie aus.

„Meiner Mutter gefiel es nicht, als ich einmal sagte, ich wolle nach Hause und damit nicht Sofia und Bulgarien, sondern Schwerin meinte.“, lacht sie.

Wäre sie Bürgermeisterin in der Landeshauptstadt, würde sie hier sofort 2 Universitäten gründen, sich für mehr lebendige Kultur einsetzen und ein paar Restaurants mit freundlichem Personal eröffnen. „Wir haben so viele Kulturen in Schwerin mit wirklich leckerem Essen. Das möchte ich so gerne auch hier in der Stadt auf dem Tisch haben.“

Länderinfo Bulgarien

Die Republik Bulgarien in Südosteuropa ist die Heimat von Christo, dem Künstler, der 1995 den Reichstag in Berlin verhüllt hat. Das Land hat eine wechselvolle Geschichte. Von 1396 bis 1878 stand Bulgarien unter türkischer Herrschaft. Seit 1908 war es Königreich, von 1947 bis 1989 kommunistische Volksrepublik. Seit 1989 ist Bulgarien vom Sowjetsystem unabhängig und nähert sich dem Westen an. Bulgarien ist seit 2004 Mitglied der NATO und seit 2007 EU.


Wirtschaftliche und soziale Reformen kommen voran. Die inländische Konsumnachfrage und die steigende Investitionstätigkeit wirken in den letzten Jahren als entscheidende Antriebskräfte. Eine Herausforderung ist die Abwanderung von Fachkräften. Korruptionsskandale bestimmen immer wieder mal die Schlagzeilen. Anfang 2019 traten mehrere Minister und Ministerinnen wegen Vorteilsnahme im Rahmen von Immobiliengeschäften zurück. 2018 hätten bulgarische Beamte es zahlreichen Ausländern ermöglicht, Pässe – und damit visumfreies Reisen innerhalb der EU – mit Bargeld zu kaufen. Ein wichtiger Wirtschaftszeig ist der Tourismus. Seit Ende der neunziger Jahre hat sich vor allem der Massentourismus an der Schwarzmeerküste sehr stark entwickelt. 2017 besuchten insgesamt 9 Millionen Touristen das Land mit seinen 7 Millionen Einwohnern. Jeder sechste Bulgare lebt in der Landeshauptstadt Sofia. Entstanden vor 5.000 ist Sofia eine der ältesten Städte Europas.