Fatima Abdulahi aus Somalia

Fatima Abdulahi aus Somalia

Ob das sein muss mit dem Foto, möchte Fatima Abdulahi (45) zu Beginn unseres Gesprächs wissen. Es ist ihr nicht ganz wohl dabei. „Wissen Sie, ich bin aus Somalia geflohen und erzähle Ihnen davon, aber eigentlich möchte ich nicht so gerne mit einem Bild in der Zeitung sein.“, sagt sie und so wird es dann dieses Mal kein Porträt, sondern ein Profilfoto.

An einem Abend im Dezember 2014 hat Fatima Abdulahi mit ihren Kindern Hals über Kopf das Haus in Mogadischu verlassen und sich auf den Weg nach Äthiopien gemacht. Ihr Mann hatte angekündigt, dass er die Tochter mit einen sehr viel älteren Mann verheiraten wolle. Und das wollte Fatima Abdulahi unbedingt verhindern.

Fatima Abdulahi wächst mit ihren 3 jüngeren Schwestern und dem älteren Bruder in Mogadischu auf. „Meine Kindheit war ganz normal.“, meint Abdulahi. Aber es wird dann klar, dass „normal“ für sie etwas anderes bedeutet als für die meisten Menschen hier. „Nein, in einem Kindergarten war ich nicht, auch nicht in einer Schule. Wir waren meistens zuhause und haben früh angefangen im Haushalt zu helfen. Saubermachen, Tee kochen, Einkaufen Mittagessen kochen. Mit meinen Schwestern habe ich mich bei der Arbeit abgewechselt.“

Ihr Vater bringt 1998 einen Mann mit ins Haus. Den heiratet Abdulahi ein Jahr später und zieht mit ihm in das Haus der Schwiegereltern. Sie bekommen 3 Kinder. Glücklich war sie mit ihrem Mann nie. „Er hat dann noch weitere Frauen geheiratet.“, sagt sie nachdenklich, „Das ist normal in Somalia.“

Als die Heirat ihrer minderjährigen Tochter Eva droht, flieht sie mit der Hilfe ihrer Tante. Diese reist als Händlerin zwischen Somalia und Äthiopien hin und her, und findet für sie eine Unterkunft in Äthiopien. Dort bringt sie sich und die Kinder in Sicherheit. Nach wenigen Wochen erfährt Fatima Abulahi, dass ihr Mann sich auf die Suche nach ihr und den Kindern gemacht hat und unterwegs ist, um sie zurückzuholen. Sie entschließt sich, erneut zu fliehen.

Die Söhne Yasim und Kadir gehen zurück nach Mogadischu und leben dort mit der Tante. Mit der Tochter Eva macht sie sich auf dem Weg nach Europa. Zu Fuß geht es durch Äthiopien. Schlepper und Kuriere bringen eine Gruppe Somalier durch den Sudan in Richtung Norden an die libysche Küste. Jede Etappe muss bezahlt werden. „Geld hatte ich nicht. Meine Tante erhielt per Handy die Anweisung, wieviel Geld sie wohin zu zahlen hatte, und dann ging es weiter. In Libyen sind wir nachts in ein Schlauboot gestiegen und ich hatte große Angst. Ich habe stundenlang geweint. Ein großes Schiff hat uns aufgenommen und nach Italien gebracht.“ Dort werden sie getrennt nach Geschlechtern in einer großen Halle untergebracht. Eine Ecke für die Somalier, eine für die Eritreer und eine für die Ghanaer.

„Wir waren 18 Frauen mit Kindern aus Somalia. Als angekündigt wurde, dass wir verlegt werden sollen, sind 13 von uns aus dem Lager weggelaufen und haben sich versteckt. 9 Tage waren meine Tochter und ich in einer Kirche untergebracht. Die Leute dort haben uns Lebensmittel gespendet und uns eine Busfahrkarte nach München besorgt.“, erzählt sie. Von hier aus geht es nach Nostorf-Horst in Mecklenburg-Vorpommern. Fatima Abdulahi beantragt Ende Mai 2015 Asyl in Deutschland. Die nächsten Stationen sind Stern Buchholz, Bobitz, Wismar und letztlich Schwerin.

„Bobitz ist wirklich klein. Wir waren in einer Wohnung untergebracht. Dort haben wir sehr nette Menschen kennengelernt. Sie waren wirklich hilfsbereit. Die alten Frauen wollte gerne wissen, warum wir aus Somalia geflüchtet sind. Eine Frau ist mit uns in den Zoo gefahren und hat uns mit dem Auto zum Einkaufen mitgenommen.“

In Wismar geht Fatima Abdulahi zum ersten Mal zur Schule. Da ist sie 41 Jahre alt und besucht einen Alphabetisierungskurs. Auf Deutsch. Das ist eine wirkliche Herausforderung. Und sie nimmt sie an. „Ein Jahr lang habe ich „der, die und das‘ geübt.“, lacht Abdulahi. Sie möchte lernen, sie möchte arbeiten und sie möchte ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten.

Die Tante in Somalia kümmert sich lange Zeit um die Jungs. Nach einem Zwischenfall verliert sie ein Bein. Dann kann sie nicht mehr. Sie bringt die Zwei zu einer Bekannten nach Nairobi in Kenia. Hier leben sie bis Ende 2019. Dann endlich können sie nach 5 Jahren zu ihrer Mutter nach Schwerin. „Seitdem wir alle zusammen sind kann ich auch wieder lachen.“, sagt Abdulahi und strahlt vor Freude.

Leicht fällt ihr das neue Leben in der Landeshauptstadt dennoch nicht. Für die Flucht hat ihre Tante insgesamt 7.000 € an die Schlepper bezahlt, schätzt Abdulahi. Diese Summe würde sie ihrer Tante auch gerne zurückzahlen, denn diese kann mit dem fehlenden Bein nicht mehr als Händlerin arbeiten. „Ich würde gerne arbeiten, vielleicht putzen, aber ich kann noch nicht so gut Deutsch.“, sagt sie hoffnungsvoll. „Gerne möchte ich meine Nachbarn besser kennenlernen und Freunde für mich und meine Kinder finden.“ Die Jungs, Yasim und Kadir, und auch die Tochter Eva werden, wie ihre Mutter Fatima Abdulahi, nach den Ferien aber erstmal wieder die Schulbank drücken.

Länderinfo Somalia

Die Bundesrepublik Somalia ist ein föderaler Staat im äußersten Osten Afrikas am Horn von Afrika. Der Name ist vom Volk der Somali abgeleitet, das die Bevölkerungsmehrheit bildet und auch in den Nachbarländern lebt. Der Staat entstand aus dem Zusammenschluss der Kolonialgebiete Britisch- und Italienisch-Somaliland, die 1960 unabhängig wurden. Somalia grenzt im Osten an den Indischen Ozean, im Norden ab den Golf von Aden und Dschibuti und an Äthiopien im Westen und Kenia im Süden.


Somalia gilt als extrem fragil und unentwickelt. Nach dem Sturz der Regierung unter Siad Barre 1991 existierte aufgrund des andauernden Bürgerkrieges mehr als 20 Jahre lang keine funktionierende Zentralregierung mehr. Die ab dem Jahr 2000 unter dem Schutz der internationalen Staatengemeinschaft gebildeten Übergangsregierungen blieben erfolglos; sie vermochten zeitweise kaum die Hauptstadt Mogadischu unter ihrer Kontrolle zu halten. Große Teile des Landes sind in Händen lokaler Clans, Warlords, radikal-islamistischer Gruppen oder Piraten. Neu gebildete regionale De-facto-Regimes beanspruchen Autonomie und verfolgen zugleich die Idee eines somalischen Staates. Nur Somaliland im Nordwesten entschied sich für die Gründung einer eigenständigen neuen Nation. Seit Inkrafttreten der neuen Verfassung am 1. August 2012 beteiligt sich eine Mehrheit der regionalen Regimes am Wiederaufbau einer gemeinsamen Verwaltung. Erfolge gegen die radikal-islamistischen Milizen ermöglichten es, im August 2012 erstmals auch wieder eine gemeinsame somalische Regierung zu wählen. Einige Regionen in der Mitte und im Süden Somalias werden auch im Jahr 2019 noch von al-Shabaab-Milizen beherrscht.