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Er ist Klavierlehrer - eine Untertreibung Jeremias Telleria, Venezuela

Jeremias Javier Obando Telleria, Venezuela

Man kann Glück haben, wenn in der Puschkinstraße am Schweriner Konservatorium bei gutem Wetter die Fenster mal eine Weile offenstehen. Dann könnte es sein, dass man im Vorübergehen eine kurze Pause einlegt und sich an den Klängen des Klaviers, die auf die Straße dringen, erfreut. Und wenn es besonders schön klingt, dann ist es vielleicht Jeremias Javier Obando Telleria aus Venezuela, der an den Tasten sitzt und unterrichtet oder probt.

Der jüngste Fachbereichsleiter

Es ist jetzt sein erster Sommer am Konservatorium „Johann Wilhelm Hertel“. Der Arbeitsbeginn für den jüngsten Fachbereichsleiter im Hause war im November 2020. Keine leichte Zeit für den Einstieg in eine Aufgabe, zu der auch die Koordination der Lehrkräfte für Klavier, Gesang und Akkordeon gehört. „Unter den besonderen Bedingungen war es ganz wichtig, Spiel- und Übungsmöglichkeiten für unsere Schülerinnen und Schüler zu schaffen.“, meint er. Auf die neue Herausforderung ist der 29-Jährige bestens vorbereitet.

Er folgt seinem Freund

In Maracaibo, einer Hafenstadt im Nordwesten Venezuelas, wächst er mit seinen 7 Geschwistern auf. „Musik haben wir bei uns Zuhause immer gemacht. Meine Mutter spielte Gitarre. Auch in unserer Kirche spielt Musik eine wichtige Rolle. Ich selbst habe mit der Musik eigentlich erst angefangen, da war ich schon 12. Viele beginnen ja bereits mit 6 Jahren.“, lacht Obando. „Mein bester Freund, Reinaldo, besuchte das Musikgymnasium. Ich wollte mit ihm auf derselben Schule sein und das hat geklappt.“ In der Schule entscheidet er sich für die klassische Ausbildung am Klavier. Da stellen sich die Weichen. „Dass ich einmal Musiker werden würde, war damals nicht geplant.“, sagt er. Doch schon bald spielt er in Orchestern mit, gibt Kammermusikkonzerte in Venezuela.

Abruptes Ende - vorläufig

„Für uns Musiker ist in der Ausbildung nicht nur die Auswahl der Hochschule wichtig. Besonders die Wahl des Lehrers spielt eine große Rolle.“, meint Obando. Und so sucht er gezielt in Ecuador, dem Land seines Vaters, nach einem Lehrer, der besonders erfolgreiche Schüler ausgebildet hat. Seine Wahl trifft auf Reinaldo Cañizares in Guayaquil. Dieser macht 1983, als er gerade mal 20 Jahre alt ist, seine Ausbildung am Nationalen Konservatorium Rimsky-Korsakov in Sankt Petersburg. „Das war ein toller Lehrer. Er wusste, dass er mit seiner Art Musik zu unterrichten auch die Persönlichkeit seiner Schüler entwickelt.“, so Obando – Reinaldo Cañizares wird damals als möglicher Minister für Kultur Ecuadors gehandelt. Eines Morgens wird er ermordet in seiner Wohnung aufgefunden. - „Ich war 18 und für mich war es unvorstellbar, dass jemand einen Klavierlehrer umbringen würde.“, erinnert sich Jeremias Obando. Der Mord wirft ihn aus der Bahn und er kehrt 2012 nach Venezuela zurück. Er braucht eine Zeit, bis er sein Studium wieder aufnimmt.

Der Weg nach Halle

Jeremias Obando war noch Schüler, als Marco Antonio de Almeida bei einem Besuch in Venezuela auf das besonders Talent des Jungen aufmerksam wird. Der Brasilianer, Professor für Klavier an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und am Institut für Musikpädagogik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, rät ihm schon damals zu einem Studium in Deutschland. 2013 macht er sich auf den Weg zu ihm nach Halle.

„Prof. Dr. Antonio de Almeida ist Musiker und Mediziner. Eine seltene Kombination! Er hat sehr viel Wert darauf gelegt, uns auch in der Körperwahrnehmung zu schulen“, so Obando. 2018 schließt er das Instrumentalstudium mit dem Bachelor ab und fügt dem Ganzen eine pädagogische Komponente hinzu. 2019 erhält er ein Stipendium der Liceu Conservatory of Barcelona Foundation und macht den Master-Abschluss in Interpretation klassischer und zeitgenössischer Musik am Liceu-Konservatorium von Barcelona. Wenig später beendet er sein Studium als Konzertkünstler an der Universität Halle mit einem Master-Abschluss. Zeitgleich unterrichtet er Klavier am Staatlichen Konservatorium Georg Friedrich Händel „Ich bin aktiver Musiker und zugleich Pädagoge. Das passt doch sehr gut zusammen.“, strahlt Jeremias Obando.

Konzerte, Preise und kein Ende

Die Liste der Konzertsäle, in denen er spielt, ist lang: die Elbphilarmonie (Hamburg), das Musikintrumentenmuseum (Berlin), das Krzysztof Penderecki Europäischen Zentrum für Musik Krakau, das Altaforum di Cadaneghe (Venedig) und der Palau de la Música (Barcelona), das Sucre Theatre (Quito), das Baralt Theatre (Maracaibo), die Usher Halle (Edinburgh). Als Solist spielt er mit Orchestern wie dem Zulia Youth Symphony Orchestra, dem Maracaibo Symphony Orchestra und dem National Symphony Orchestra, dem Orchester von Ecuador und dem Halle Symphony Orchestra. Er wird mit dem "Frontiers of Music" -Preis von Ecuador (2011), dem "Young Talents" -Preis von Quito (2012), dem deutschen "MusikBrauchFreunde" -Preis (2013), dem Internationalen Preis der Gerichte (2019), dem Preis des Young Piano Performers Competition of Catalonia (2019) und des Preises des Vilafranca Competition (2.019) ausgezeichnet.

Auf den Kontakt kommt es an

„Ich habe immer sehr viele Sachen gleichzeitig gemacht!“, lacht Olando. Damit erklärt er auch seine Vorliebe für die Nutzung digitaler Medien. „Der persönliche Kontakt zwischen Schülern und Lehrer ist immer wichtig. Und heutzutage können wir mit Apps zum Erlernen der Musiktheorie, Live-Streams und anderen technischen Möglichkeiten Unterricht gut ergänzen.“ Mit seinem Studienabschluss als „Online-Influencer“ ist er dafür gewappnet.

Schwerin ist sein neues Zuhause

Für Schwerin sprach bei seiner Bewerbung am Konservatorium einiges, meint Obando: „Die Stadt ist schön. Sie hat Eleganz und ist nicht zu groß. Vieles lässt sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigen.“ Bei seinen Spaziergängen wählt Jeremias Obando immer wieder neue Wege, um Schwerin besser kennenzulernen.

Oft ist es die Arbeitsstelle, die Menschen aus anderen Nationen in die Landeshauptstadt führt, mal als Ärztin, als Ingenieur, als Kabelwerker oder als Volleyballerin. Manche kommen zur Ausbildung: als Koch oder Altenpflegerin oder zum Studium. Einige finden auf der Flucht vor Krieg oder Verfolgung hier einen sicheren Hafen. Andere führt die Liebe zu einer Schwerinerin oder einem Schweriner in die Stadt. Menschen aus rund 100 Nationen hat der persönliche Lebensweg in die Landeshauptstadt geführt. – Für viele ist Schwerin auf Dauer ein neues Zuhause geworden. Andere bleiben nicht so lang und ziehen weiter.

Jeremias Olando will erst einmal bleiben und in der Landeshauptstadt junge Menschen in ihrer musikalischen Ausbildung voranbringen. In seiner Heimatstadt ist es täglich fast 30 Grad warm. „Mir gefällt hier die Mischung aus kalt und warm!“, lacht er. Dies gefällt ihm so gut, dass er einen Antrag auf Einbürgerung gestellt hat. Und er würde sich freuen, wenn seine Eltern und Geschwister ihn einmal besuchen.

Länderinfo Venezuela

Die Bolivarische Republik Venezuela ist ein südamerikanischer Staat an der Karibikküste. Er grenzt im Westen an Kolumbien und im Osten an Guyana, im Süden an Brasilien


Venezuela wurde 1811 von der Kolonialmacht Spanien unabhängig. Im Land herrscht seit der Bolivarischen Revolution von 1999 ein sozialistisch ausgerichtetes Präsidialsystem der Regierungspartei Partido Socialista Unido de Venezuela. Seit 2014 wird Venezuela von deren Parteivorsitzenden Nicolás Maduro regiert. Seine Regierungszeit ist zunehmend geprägt von politischen Protesten im Land und internationaler Isolation. Venezuela verfügt über die größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt. Die Wirtschaft befindet sich in einer schweren Krise, geprägt von Hyperinflation, Versorgungsengpässen und Hungersnöten mit einer wachsenden Armutsquote. Der ehemalige venezolanische Präsident, Hugo Chávez, verpasste seinem Land eine eigene Zeitzone, viereinhalb Stunden hinter Greenwich Time. Offiziell hieß es, dass die neue Zeitzone besser zum Rhythmus der Venezolaner passe. Vermutet wird auch, dass das sozialistische Land nicht mehr in der gleichen Zeit leben wollte wie der Erzfeind USA