Von Mali über Algerien und Frankreich nach Schwerin Amidou Cissé aus Mali

Amidou Cissé aus Mali

„Mein Auto hätte keinen TÜV mehr bekommen. Ich war schon der 7. Besitzer und bei „wirkaufendeinauto.de“ habe ich vorgestern noch 8,00 € für bekommen.“, lacht Amidou Cissé. Auch wenn mancher die Preispolitik des Autohandels in Lankow kritisieren mag, Cissé ist froh, dass es sich nicht um die Verschrottung kümmern muss.

„Ich habe bisher nirgendwo länger gelebt als in Schwerin. Und das sind jetzt 10 Jahre.“, so Cissé, der aus der Garnisonsstadt Koulikoro am Niger in Mali stammt. Heutzutage sind dort die Bundeswehrsoldaten stationiert. Sie bilden am „Centre d'Instruction de Koulikoro“ malische Offiziere aus. Amidou Cissé hingegen ist Lehrer für Französisch an der Schweriner Waldorfschule. Und die Arbeit mit den Klassen 7 bis 12 macht ihm Freude. „Ich bin zur katholischen Schule in Karangasso gegangen. Nachdem mein Vater starb, haben mein älterer Bruder und ich dort bei meinem Onkel gewohnt.“, erzählt Cissé. „Er war Landwirtschaftsberater im Bereich Baumwolle. Als Kinder haben wir oft auf dem Feld geholfen oder Schafe gehütet.“

Der Wechsel an das Gymnasium in Bamako verändert das Leben des jungen Amidou Cissé. „Der erste Lehrer, den ich dort zu sehen bekam, war der Deutsch-Lehrer. Es war meine erste Stunde in der 10 Klasse. Unserer Lehrer sagte: „Wenn Du Deutsch nicht ernst nimmst, dann wirst Du von Deutschen niemals ernst genommen. Nicht in der 11. Klasse, nicht in der 12. Klasse und nicht im Leben!“. Cissé hat Freude am Erlernen der Sprache. Es fällt im leicht.

„Wir hatten Philosophie in der 12. Klasse. Ich wollte Kant im Original lesen.“, lacht Cissé. Er erinnert sich, dass er in den Schulferien in einer Werkstatt gejobbt hat, in der auch deutsche Mechaniker gearbeitet haben. Auch von ihnen hat er gelernt. „Meine Landsleute halten viel von Deutschland, auch weil es das erste Land war, das 1960 die Unabhängigkeit Malis anerkannte.“

„Wir haben Bücher und Hefte kostenlos bekommen und wer einen guten Notendurchschnitt hat, konnte ein Stipendium erhalten.“, so Cissé. Zum Germanistikstudium geht Amidou Cissé nach Oran in Algerien. Nach dem Abschluss erhält er zwei Stipendien des DAAD – Deutscher Akademischer Austauschdienst. „2003 kam ich für 3 Wochen in der Lutherstadt Wittenberge. Mit dem Flug nach Frankfurt und dann mit der Bahn. Allein. In einer fremden Welt. Das war schon aufregend und sehr anders als in Mali.“, meint Cissé. „Beim Frühstück in der Gastfamilie wurde ich gefragt, was ich essen möchte. Es gab so viele verschiedene Dinge auf dem Tisch. Bei uns gab es meist Brei aus Hirse oder Mais mit Milch und etwas Zucker. Das war okay und hier ist die Kultur einfach eine andere.“

Mit einer internationale Studentengruppe besucht Cissé die „neuen Bundesländer“, bevor er zum Studium der Anthroposophischen Pädagogik nach Mannheim zieht. „Eine offene Stadt. Ich habe mich schnell heimisch gefühlt. Aber manchmal habe ich den Dialekt dort nicht verstanden.“, schmunzelt Amidou Cissé.

Schulpraktika führen ihn an Waldorfschulen in Lübeck, Luxemburg, Stuttgart und Freiburg. Seine erste Stelle als Lehrer für Deutsch tritt Cissé in Straßburg, Frankreich an. Von da an wird sein Leben kompliziert. „Ich hatte einen Vertrag und wurde auch bezahlt. Am Ende des Schuljahres stellten die Behörden fest, dass ich mit meinem Studentenvisum für Deutschland nicht in Frankreich arbeiten durfte. Ich wusste das nicht, erhielt ein Arbeitsverbot und sollte das Land innerhalb von 30 Tagen verlassen. In Mannheim wurde mir bei der Ausländerbehörde mein Pass abgenommen und ich sollte innerhalb von 24 Stunden einen Flug nach Mali buchen.“ Das Hickhack der Behörden wird öffentlich und schlägt in Frankreich Wellen: Presse, Solidaritätskundgebungen, Statements.

Den Pass erhält Cissé zurück und schließlich auch eine Arbeitsgenehmigung in Frankreich. Alles scheint in Ordnung zu sein, bis Cissé eines Tages in Offenburg von der Polizei kontrolliert wird. „Ich wusste nicht, dass ich keine Einreiseerlaubnis für Deutschland hatte und landete auf der Wache. Um 3 Uhr morgens haben sie mich an der Brücke zwischen Straßburg und Kehl ausgesetzt. Ich wurde behandelt wie ein Dieb. Das war traumatisierend für mich. Ich war wie ohnmächtig. Danach war ich nicht mehr der Alte.“, sagt er.

Mit Hilfe von ein paar jungen Polizisten bemüht sich Cissé darum, dass die Mannheimer Behörden das Einreiseverbot aufheben. Das klappt. Und wenig später klappt es auch mit einer Arbeitsstelle an der Waldorfschule in Göttingen. - Nach zwei Jahren wechselt er dann 2010 nach Schwerin. Hier unterrichtet Cissé seitdem die Klassen 7 bis 12 in Französisch. Die Arbeit macht ihm Spaß. Nebenbei absolviert er sein Masterstudium. „In Schwerin geht es mir beruflich gut. Am See tanke ich auf. Aber privat bin ich nicht wirklich angekommen. Bei LIDL wollte mir vor einiger Zeit ein älterer Mann eine Pfandflasche schenken. Ich sagte ihm, dass ich Lehrer sei und ein gutes Gehalt habe. Aber er hatte dieses Bild des Bettlers von mir. Das ist doch schade. Ich wünsche mir mehr Offenheit. Die Ausländer können sich nicht alleine integrieren. Das geht nur gemeinsam mit den Deutschen. Es wäre schön, wenn die Schweriner ihre Türen und Herzen öffnen würden:“

Länderinfo Mali

Die Republik Mali, ein Binnenstaat in Westafrika, grenzt an Mauretanien, Algerien, Niger, Burkina Faso, Guinea, Senegal und die Elfenbeinküste. Der dünn besiedelte Norden erstreckt sich bis tief in die Sahara. Die Mehrheit der 19 Millionen Menschen lebt im Süden Malis. Hier fließen Niger und Senegal. Die Hauptstadt Bamako hat rund 2,5 Millionen Einwohner.


Die wichtigsten Wirtschaftszweige sind die Landwirtschaft, die Fischerei und der Bergbau. Mali ist der drittgrößte Produzent von Gold in Afrika. Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Das Land lag 2019 im Index der menschlichen Entwicklung auf dem 184. Platz. Im Laufe der Jahrhunderte spielten die Reiche auf dem Gebiet des heutigen Mali - das Ghana-Reich, das Mali-Reich und das Songhai-Reich - eine bedeutende Rolle im Transsaharahandel. Aus Nordafrika wurden Stoffe, Pferde, Waffen, Glas und Perlen, aus der Sahara auch Salz importiert. Exportiert wurden Sklaven und Gold. Im goldenen Zeitalter Malis blühten islamische Gelehrsamkeit, Mathematik, Astronomie, Literatur und Kunst. Im 19. Jahrhundert wurde Mali Teil der Kolonie Französisch-Sudan. Unabhängig wurde Mali 1960. Nach langer Einparteienherrschaft führte ein Militärputsch 1991 zur Verabschiedung einer neuen Verfassung und zur Etablierung eines Mehrparteienstaates. Im Januar 2012 eskalierte im Norden ein bewaffneter Konflikt. Tuareg-Rebellen erklärten die Abspaltung des Staates Azawad. Der Konflikt wurde durch einen Putsch und spätere Kämpfe zwischen Islamisten und Tuareg verkompliziert. Seit 2013 sind 1.100 Soldaten der Bundeswehr als Teil der 13.000 Blauhelm-UN-Mission MINUSMA und des europäischen Ausbildungsprogramms EUTM im Land.