Zuhause ist dort, wo man glücklich ist Paola Ozcoro Ibarra aus Mexiko

Paola Ozcoro Ibarra

In ihrem Wohnzimmer hängen farbenfrohe Fotos aus Mexiko. Neben dem Sofa liegt eine Lampe auf dem Boden. „Die hat mir eine Kollegin geschenkt. Ihr Mann wird mir die Lampe anbauen.“, sagt Paola Orozco Ibarra. „Ich habe seit meiner Ankunft in Schwerin wirklich viel Unterstützung. Das ist echt schön.“

Die junge Mexikanerin aus Guadalajara ist seit fast einem Jahr in der Landeshauptstadt. Ihre 3 Geschwister, die 95jährige Großmutter und die Eltern leben in Mexiko. Ihre Mutter betreibt dort ein Frühstücksrestaurant. Ihr Vater baut Limetten, Avocados und anderes Obst und Gemüse an und verkauft dies in seinem Laden.

Schon als Schülerin war Paola Orozco Ibarra zweimal in Deutschland, in Hinterzarten bei Freiburg und in Illmenau. Am ‚Gymnasium Nummer 5‘ in Guadalajara muss sie eine Sprache wählen: Englisch, Französisch, Chinesisch oder Deutsch. „Ich war klein, als 2006 in Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft lief. Im Fernsehen wurde viel über Deutschland berichtet. Mit meinem Vater habe ich viele Spiele angesehen und mich dann für Deutsch entschieden.“, lacht sie. Am Ende der Schulzeit hat sie ein B1 Sprachzertifikat für Deutsch in den Händen.

Nach dem Abitur studiert sie „Physiotherapie“ in ihrer Heimatstadt. „Bei uns ist das eine universitäre Ausbildung. Du hast viel Praxis, meist vormittags, und nachmittags Theorie. Das Studium dauert 3 Jahre und du schließt mit einem Bachelor ab. Ein längeres Praktikum habe ich in einer Neuropraxis für Kinder gemacht.“, erläutert Orozco Ibarra. Etwas 400 € kostet die Ausbildung im Monat. Ein Onkel leiht ihr das Geld. Ihre Eltern bezahlen die Bücher.

Knapp 2 Jahre arbeitet Paola Orozco Ibarra dann selbstständig als Physiotherapeutin. „Nach Deutschland zu kommen hatte ich nicht geplant, vielleicht einmal im Urlaub, aber nicht zum Arbeiten und Leben.“, sagt sie schmunzelnd, denn es kommt anders.

Ein Lehrer aus der Universität sendet ihr ein Inserat aus dem Internet. In Deutschland werden Physiotherapeutinnen gesucht. Die Voraussetzung: Sprachniveau B2. „Erst wollte ich nicht. Dann habe ich mich aber doch bei der Job-Börse der Arbeitsagentur registriert und meine Bewerbungsunterlagen zusammengestellt. Das war viel und, weil einiges erst einmal erläutert und übersetzt werden musste, auch langwierig und teuer.“

Orosco Ibarra nimmt Privatunterricht und lernt im Selbststudium für das Sprachzertifikat B2.

Ihr Bewerbungsgespräch macht sie per Skype. Eine Praxis lehnt ab. Dieser ist der Prozess zu aufwändig. Doch das Schweriner Rehazentrum in der Wuppertaler Straße ist an Orozco Ibarra interessiert und bleibt dran. Ihr zukünftiger Chef unterstützt sie im Kontakt mit den deutschen Behörden, bei der Anerkennung der mexikanischen Ausbildung, dem Antrag für das Visum. Nach fast 2 Jahren macht das Landesprüfungsamt für Heilberufe im Landesamt für Gesundheit und Soziales Mecklenburg- Vorpommern im November 2018 seinen Stempel drauf.

Ihr Chef holt seine neue Mitarbeiterin Anfang April 2019 am Hauptbahnhof ab. „Es war schon eine lange Reise. Guadalajara, Mexiko-Stadt, Brüssel, Hamburg und dann mit dem Zug nach Schwerin. Und hier war alles super vorbereitet. Am ersten Tag habe ich den Mietvertrag für meine Wohnung unterschrieben und am zweiten Tag hat mir der Hausmeister der Praxis beim Einrichten geholfen. Vieles hatten meine neuen Kolleginnen für mich gesammelt: ein Sofa, einen Tisch, Dinge für die Küche und einiges mehr. Am dritten Tag habe ich in der Praxis angefangen. Erst einmal habe ich hospitiert und gelernt, wie die Arbeitsabläufe sind. In Mexiko dauern die Anwendungen meist länger als hier. Die Therapie richtet sich sehr individuell nach den Patienten. Das ist also sehr ähnlich.“, meint Orozco Ibarra.

Auf dem Tisch liegen medizinische und physiotherapeutische Fachbücher. „Die lateinischen Fachbegriffe sind hier und in Mexiko dieselben. Aber die deutschen Fachbegriffe lerne ich, damit ich mich auch mit den Patienten besser verstehen kann. Meistens klappt das schon ganz gut. Manche Patienten üben mit mir die Artikel: der Arm, das Bein, die Hand Nur wenn die Patienten mit mir Plattdeutsch sprechen, komme ich nicht mehr mit.“, lacht sie.

Das Gesundheitssystem in Deutschland findet sie gut organisiert. „Doch es war schwer, einen Termin bei einer Frauenärztin zu bekommen. 5 Monate Wartezeit sind doch sehr lang!“

In ihrer Freizeit macht Orozco Ibarra viel Sport. Schwimmen, Krafttraining und Laufen stehen dann auf dem Programm. Im letzten Sommer war sie beim Schweriner Schlossschwimmen dabei. Dieses Jahr hat sie sich zum Hamburg Marathon angemeldet. Sie plant einen Besuch am Millerntor zum einem St. Pauli-Spiel. Ab und zu fährt sie nach Hamburg und trifft sich dort mit anderen Frauen aus Mexiko. Einigen Mexikanern, die kürzlich an der Helios-Klinik mit der Arbeit angefangen haben, hilft sie bei dem Start in Schwerin.

Ihre Eltern bestehen darauf, dass sie 2020 gemeinsam mit der Familie Weihnachten in Guadalajara feiert. „Ich werde fahren.“, sagt sie „Aber hier ist Weihnachten auch schön. Kann es sein, dass man sich in zwei Ländern, die weit voneinander entfernt und auch verschieden sind, zuhause fühlt?“, fragt sich Orozco Ibarra selbst und gibt auch gleich die Antwort: „Das ist mir passiert. Zuhause sein bedeutet doch, glücklich zu sein, mit freundlichen Leuten täglich zusammenzuleben und Freunde zu finden, die wie eine neue Familie sind. Genauso geht es mir hier in Schwerin.“

Länderinfo Mexiko

31 Bundesstaaten und der Hauptstadtdistrikt Mexiko-Stadt bilden die ‚Estados Unidos Mexicanos‘ in Nordamerika. Im Norden grenzt Mexiko an die USA, im Süden und Westen an den Pazifischen Ozean, im Südosten an das Karibische Meer, an Guatemala und Belize und im Osten an den Golf von Mexiko.

Auf einer Fläche etwa sechs Mal so groß wie Deutschland leben knapp 125 Millionen Einwohner. Mexiko ist das einwohnerreichste spanischsprachige Land. Neben dem Spanischen, der Amtssprache, sind seit 2003 weitere 62 indigene Sprachen als „Nationalsprachen“ anerkannt.

Nach fast 300 Jahren spanischer Herrschaft erklärte Mexiko 1810 seine Unabhängigkeit. Die Folge war ein Krieg, der erst 1821 zur endgültigen Unabhängigkeit von Spanien führte.

1835 versuchten die USA vergeblich die Gebiete um Texas und Kalifornien von Mexiko zu kaufen. Die 1836 proklamierte „unabhängige Republik Texas“ wurde 1845 von den USA annektiert. Dies führte 1846 zum Mexikanisch-Amerikanischen Krieg. Nach der Niederlage Mexikos trat das Land 1848 mit Unterzeichnung des Vertrages von Guadalupe Hidalgo seine nördlichen Gebiete ab, darunter die heutigen US-Bundesstaaten Kalifornien, New Mexico, Arizona, Nevada, Utah und Colorado. – Entlang der Grenzen bauen die USA unter ihrem Präsidenten Donald Trump eine Mauer. Gegen die Einwanderung aus Mexiko.