Der Winter ist ihr hier zu lang Samantha Goff aus Honduras

Samantha Goff-Stieger, Honduras

Wenn es ein Problem mit der Reisekostenabrechnung eines Mitarbeiters gibt, dann ist sie die richtige Ansprechpartnerin. Samantha Goff-Stieger arbeitet in der Buchhaltung eines großen Unternehmens, die in Schwerin angesiedelt ist. Die Kollegen können Fragen und Unklarheiten mit ihr auf Deutsch, Englisch oder Spanisch klären.

Ihre Ausbildung im Business Management hat Samantha Sohana Goff Sevilla an der Universidad Tecnológica de Honduras in der Hafenstadt La Ceiba an der Atlantikküste absolviert. Hier ist sie gemeinsam mit ihren 3 Geschwistern auch aufgewachsen. Ihr Vater, Ingenieur bei Dole, dem großen Produzenten von Bananen und ihre Mutter, Sekretärin in einer Molkerei, sorgen dafür, dass alle Kinder eine gute Ausbildung bekommen. „Ich habe nach dem Studium erstmal eine Pause gemacht, aber dann bin ich arbeiten gegangen.“, sagt Samantha Goff.

Mit ihrer Mutter eröffnet sie ein Blumengeschäft, arbeitet 2 Jahre am Flughafen, 3 Jahre für die Banco Azteka. „Das hat Spaß gemacht und ich habe ich viel gelernt.“, so Goff. „Aber die Bank hat viele Filialen geschlossen. Und so bin ich in einen Fischereibetrieb gewechselt.“

Als Schwangerschaftsvertretung geht sie für ein paar Monate in den Ort Brus Laguna in der Region La Mosquita im nordöstlichen Honduras. „Diese Gegend ist sehr arm. Es gab nur von 10 bis 20 Uhr Strom und dann hast mit Kerzen dagesessen. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen sind hart. Menschen leben vom Fischfang. Tauchen sie nach Langusten, so tun sie das ohne irgendeine Sicherung. Die Löhne sind niedrig und reichen häufig nicht. Viele Leute sind krank, allein weil es kein sauberes Trinkwasser gibt. – Oft leben Familien mit 5 Kindern in nur einem Raum. Es war auch traurig, die Kinder zu sehen. Es gibt Kinderarbeit. Für viele Kinder findet der Unterricht unter einem Baum statt.“, erzählt Samantha Goff. „Trotz der Armut haben wir damals viel gelacht. Die Menschen sind offen und man spricht miteinander. Man hilft sich gegenseitig und du bekommst überall eine Tasse Kaffee. Bei den reichen Leuten ist das oft nicht so.“

Gerne wäre Samatha Goff in die Hauptstadt Tegucigalpa gezogen. Dafür hätte sie die Unterstützung ihrer Familie gebraucht. Ihre jüngeren Geschwister waren allerdings noch in der Ausbildung und brauchten die Hilfe auch. „Das musst du dann akzeptieren.“, so Goff. „Und so haben meine Schwester und ich dann versucht, in La Ceiba im Bereich Tourismus etwas aufzubauen. Das war ein bisschen wie ein Traum. So wie „ich werde Pilot“, habe ich gedacht „eines Tages reise ich nach Europa!“ Meine Mutter hat gelacht.“

1995 lagen die Einnahmen aus dem Tourismus mit 62,28 Millionen Euro bei rund 1,6 Prozent des Bruttonationalproduktes. Damals kamen gut 271.000 Touristen. Innerhalb von 10 Jahren hat sich die Zahl verdreifacht und ist seitdem stabil bei rund 800.000 Touristen pro Jahr, die 2017 im Schnitt 751 Euro für den Urlaub in Honduras ausgaben.

Samantha Goff und ihre Schwester betreuen eine Zeit lang Gäste aus den USA, zeigen ihnen La Ceiba, bieten individuellen Spanischunterricht an. Aber so richtig funktioniert das nicht. - Über das Internet lernt sie Matthias, einen jungen Mann aus Mecklenburg-Vorpommern, kennen. Er dachte daran, nach Uruguay auszuwandern und wollte Spanisch lernen. Sie verständigen sich auf Englisch und er entscheidet sich, zunächst mal Honduras kennenzulernen. „Ich habe ihn in San Pedro am Flughafen abgeholt und in La Ceiba zu einer Pension in der Nähe meines Elternhauses gebracht. Die nächsten Tage habe ich ihm die Stadt gezeigt. Nach einiger Zeit hat Matthias dann ein Zimmer im Haus der Familie bezogen. Das war preisgünstiger. Er lernt Spanisch, sie lernt Deutsch.

„Ich wollte gerne eine Sprache lernen, aber an Deutsch hatte ich nie gedacht.“, lacht Goff. „Jeder Mensch, der dir im Leben begegnet bringt die etwas. Auch wenn du das auf den ersten Blick nicht siehst oder gar für sinnlos hältst. Am Ende hat es doch eine Bedeutung.“

Beim dritten Besuch von Matthias in Honduras heiraten sie. „Das hat gut geklappt. Wir hatten uns vorher erkundigt, wie die Regeln und die Rechtslage sind. Aber wir haben nicht geahnt, welche Bürokratie dann hier in Schwerin auf uns zukommt. Aber da mussten wir durch.“ Nach dem Umzug in die Landeshauptstadt folgen Sprachkurs, über das Jobcenter Qualifizierung und nach dem Praktikum der erste Job in der Buchhaltung bei einem Rechtsanwalt. Sie wird auch Dozentin für Spanisch an der Volkshochschule Schwerin.

„Hier ist jetzt mein Zuhause. Wir haben 2 Kinder, die gehen hier zu Schule. Meiner Tochter helfe ich ein bisschen. Stell Dir vor: Geometrie auf Deutsch!“, lacht sie. „Und wir haben uns ein Haus gekauft. Den Einbürgerungstest habe ich gerade bestanden: 33 von 33 möglichen Punkten! Aber für den nächsten Schritt müssen wir noch einen Antrag stellen und bezahlen.“

Ob sie einmal zurück nach Honduras geht? „Es gibt dort viel Korruption. Kommen zum Beispiel staatliche Fördermittel in einer Schule an, landet nur ein Teil davon bei den Schülern. Der Bruder des Präsidenten sitzt in den USA wegen Drogen in Haft. Das sagt doch alles!“, so Samantha Goll. „Aber Träume hat man doch immer.“ - Einzig die „neun Monate Winter“ im Norden sind Samantha Goff-Stieger etwas zu lang.

Länderinfo Honduras

Die República de Honduras in Zentralamerika gelangt meist nur mit Negativschlagzeilen in die Medien. Drogenhandel, Überfälle, Entführungen und Jugendbanden. Doch Honduras bietet mehr. Freundliche Menschen, kulturelle Vielfalt und abwechslungsreiche Landschaften.


Bekannt als "Bananenrepublik" – ist es ein Agrarstaat: Bananen, Kaffee und immer mehr Palmöl werden exportiert. Die Landschaft lässt sich in drei Zonen aufteilen: Das Hochland mit Kaffeeanbau, die Ebene an der Nordküste mit Plantagen und die Urwaldregion Mosquitia im Nordosten des Landes. Das Klima ist gemäßigt bis tropisch Honduras ist nach Haiti eines der ärmsten Länder der Region. Mit weniger als 10 Millionen Einwohnern auf 112.090 km² ist Honduras ein kleines und relativ dünn besiedeltes Land. Im Demokratieindex 2016 der Zeitschrift The Economist belegt Honduras Platz 79 von 167 Ländern. Es gilt als ein „Hybridregime“, d. h. ein Staat, dessen politisches System eine Mischform aus Demokratie und autoritärem Staat darstellt. Im November 2018 wurde der Bruder des honduranischen Präsidenten, Juan Antonio Hernández Alvarado, in Miami festgenommen. Dem früheren Kongressabgeordneten "Tony" Hernández werden Drogenhandel und Waffenbesitz vorgeworfen. Er soll an Geschäften beteiligt gewesen sein, in denen von 2004 bis 2016 tonnenweise für die USA bestimmte Ladungen Kokain gehandelt wurden. Im droht eine lebenslange Haftstrafe.