Die Letzte der Familie, die ausreiste Valentina Brenner aus Kasachstan

Valentina Brenner

„Es gab eine Zeit, da hieß es: Gehen Sie zu Schindler, da werden Sie geholfen.“, lacht Valentina Brenner. „Damals hieß ich Schindler und unter den jüdischen Migranten, die aus der ehemaligen Sowjetunion kamen, hatte sich schnell rumgesprochen, dass sie bei mir ein offenes Ohr finden.“ Sehr viele Neuankömmlinge aus dem Ausland, auch einige meiner Interviewpartner, haben mit ihrer Hilfe Deutsch gelernt und von ihr Unterstützung bekommen.

Sie selbst kam im August 1996 aus Kasachstan. „Ich war die letzte der Familie, die das Land verließ. Mein Onkel wirft mir heute noch manchmal vor, dass ich diejenige gewesen bin, die alle daran gehindert hat, früher auszureisen. Das war auch so.“

Als junge Dozentin der Pädagogischen Hochschule begleitet sie 1989 eine Studentengruppe aus der Sowjetunion nach Marburg zu einem wissenschaftlichen Sommer-Camp. Für ihren Bruder kauft sie einen Walkman und sagt als sie zurückkommt: „Es ist schön und gut, aber das ist nichts für uns!“ Das war meine Einstellung. Ich hatte den Kapitalismus ja gesehen. Mir fehlten die Familienbande dort und ich sah, dass es Probleme mit der Arbeit gab. Viele der Aussiedler haben Geschichten vom Paradies erzählt. Die meisten waren unwahr.“

Als die kleine Valentina 1974 in der Sowjetunion zur Schule kommt, spricht sie kein Wort Russisch. Sie lebt unter Deutschen im kleinen, katholisch geprägten Dorf Konstantinowka in der Altai Region und ist erst das zweite Kind in der Familie, das in eine russische Schule kommt. Alle anderen gingen vorher von der ersten bis zur siebten Klasse in eine deutsche Schule. Für diese Kinder war Russisch eine Fremdsprache. Nur wenige schafften es zu einem höheren Bildungsabschluss. „Sie wurden Melker oder Tierpfleger. Insofern hatte ich dann bessere Möglichkeiten.“ Mit der Mutter zieht sie zu ihrem Onkel in das benachbarte Kasachstan. Dort leben in der Nachbarschaft auch Russen, Tartaren, Tschetschenen, Ukrainer und so wird Russisch die verbindende Sprache. Zuhause spricht die Oma allerdings nur Deutsch.

„Ich wollte unbedingt Juristin werden. Das gefiel meiner Mutter nicht. Sie kannte meinen Sinn für Gerechtigkeit und fürchtete, dass mich das in Schwierigkeiten bringen würde. Ich habe mich dennoch beworben. Ohne Erfolg. Vielleicht lag es auch an meiner Nationalität. In meinem Ausweis stand ja mit russischen Buchstaben „Deutsche“.

Mit 17 Jahren nimmt Valentina an einer Spracholympiade „Deutsch“ teil und gewinnt. Eine Einladung führt sie an die Pädagogische Hochschule in Almaty. Die Mutter ist begeistert. Die Aufnahmeprüfung besteht sie. Noch vor Semesterbeginn ist zwei Wochen Arbeitsdienst bei der Tabakernte aufs Land. Dann geht es schnell noch nach einmal Hause, immerhin 1.600 Kilometer entfernt. Für die Studentin kostet der Flug 17 Rubel.

1987 reist sie zum Studentenaustausch nach Jena in die DDR. Einen Monat ist ihre Gruppe dort. Mit der Straßenbahnmeisterei demontieren sie gemeinsam Gehwegplatten. Für Valentina Schindler ist es normal, die gleiche Arbeit wie die Jungs zu machen. „Der Leiter hat aber eine Rüge bekommen und wir mussten dann „Frauenarbeit“ machen, Fensterputzen und so. – Damals war uns nicht bewusst, wie sehr die Sowjetunion als Vorbild für den Sozialismus in der DDR galt. In der DDR habe ich das erste Mal Deutsch in Deutschland gesprochen. Es war toll, Deutsch zu denken, zu träumen und zu sprechen.“, lächelt sie.

Nach dem Studium lehrt Valentina Schindler an der Hochschule, baut mit einer Kollegin einen Lehrstuhl für Deutsch als Muttersprache auf. Nebenbei beginnt sie für einen deutschen Radiosender zu arbeiten. Hier verdient sie deutlich besser als an der Hochschule und die Arbeit macht ihr Spaß. Nachdem ihre Tochter auf die Welt gekommen ist, bleibt sie bei dem Sender. „Wir machten alles selbst. Ich habe da wirklich gelernt, wie man Radio macht. Wunschkonzerte, Wirtschaftsnachrichten. Sendungen planen, tägliche Sendungen machen.“

Plötzlich gab es kaum noch Lebensmittel. Die Inflation war sehr hoch. „Die Leute hatten Angst, dass die Söhne für den Krieg mit Tschetschenien zur Armee eingezogen werden. Für meine Tante war das Grund genug, nach Deutschland zu gehen. Meine Mutter musste mit.“

Valentina Schindler bleibt. Ein paar Jahre arbeitet sie zeitgleich als Sekretärin für die Deutsche Waggonbau AG. „Von den beiden Gehältern konnten wir ganz gut leben.“– Unerwartet begannen Sticheleien von Kasachen, berichtet sie und als ein Mitarbeiter von BAYER sie fragt, ob sie nicht sieht, was im Land geschieht, wird sie nachdenklich.

Mit Mann und Tochter reist sie aus. Über verschiedene Stationen geht es unerwartet nach Dömitz in Mecklenburg-Vorpommern. „Ich war wie in Watte, wie in einem Schock damals. Ich habe anderen viel geholfen, beim Jobcenter übersetzt. Mein Abschluss als Lehrerin wurde nicht anerkannt. Als Journalistin hatte ich keine Chance. Ich habe dann in einem Altersheim gejobbt, später als Dozentin für Aussiedler. Damals wurden aus Ärztinnen Putzfrauen, aus Ingenieuren Hilfsarbeiter. – Inzwischen arbeite ich seit 20 Jahren für Bildungsträger gemeinsam mit meinem Kollegen Stein“.

Seit 2019 ist Valentina Brenner die Leiterin des Standortes der WBS Training AG in Schwerin. Hier ist sie auch weiterhin oft eine der ersten Ansprechpartnerinnen für Deutschlernende aus vielen Ländern in der Landeshauptstadt.

Länderinfo Kasachstan

Die Republik Kasachstan liegt in Zentralasien und zu einem sehr kleinen Teil im äußersten Osteuropa. Kasachstan ist 7,5 Mal so groß wie Deutschland, der größte aller Staaten ohne Zugang zum Meer. Landesgrenzen bestehen zu China, Kirgisistan, Russland, Turkmenistan und Usbekistan. Der Name stammt vom Wort Kasach und kann sowohl mit „Steppenreiter“ wie mit „Unabhängiger“ übersetzt werden.


Die Innenpolitik wird seit dem Ende der Sowjetunion weitgehend durch den autoritären Regierungsstil vom Ex-Präsident Nursultan Nasarbajew und seiner Familie geprägt. Die Hauptstadt „Nur-Sultan“ erhielt diesen Namen offiziell am 23. März 2019 zu Ehren des Ex-Präsidenten Nursultan Nasarbajew. Der Nachfolger, Tokajew, hatte seinen Landsleuten eine "ehrliche, offene und faire" Wahl versprochen. Gegen ihn traten im Sommer 2019 sechs Kandidaten an - nur einer von ihnen, der Journalist Amirschan Kosanow, wird der Opposition zugerechnet. Die Wahlen in Kasachstan wurden von westlichen Beobachtern nicht als frei und fair eingestuft, bezeichnen einen Politikwechsel in Kasachstan in Folge der Wahl als "Illusion". Auf dem Staatsgebiet finden sich wertvolle Bodenschätze. Im Land lebt eine stark multiethnische Bevölkerung vom knapp 19 Millionen Einwohnern. Ein Blick auf den jungen, vielfältigen Staat offenbart eine faszinierende Mischung von Chancen und Herausforderungen.