Ein Großstadt-Kind in Schwerin Vera Bröckel aus Kirgistan

Vera Bröckel

„Ist das hier ein Kurort?“, fragt sich Vera Bröckel im Februar 2006, als sie in der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern ankommt. „So grün, so ruhig! Ab 20 Uhr keine Menschen mehr auf der Straße, und am Wochenende sind die Geschäfte geschlossen. Das hatte ich wirklich nicht erwartet.“, lacht sie.

Als Vera Kislizina kommt sie 1972 in der Kirgisischen Sozialistischen Sowjetrepublik zur Welt. In der Hauptstadt „Frunse“, benannt nach Michail Wassiljewitsch Frunse, einem Vertrauten Lenins, der hier geboren ist und 1905 und 1917 während der Revolutionen und im Russischen Bürgerkrieg in den 1920er Jahren eine entscheidende Rolle gespielt hatte, wächst sie auf. Heute heißt die Stadt mit rund 1 Million Einwohnern „Bischkek“.

„Ich bin ein Großstadt-Kind. In Bischkek ist es sehr lebendig. 24 Stunden am Tag und 7 Tage in der Woche ist was los, gibt es Verkehr und kann man einkaufen.“, meint Bröckel und ergänzt: „Das war aber nicht immer so. Als Kinder waren wir eigentlich ständig draußen zum Spielen. Wenn uns die Mütter abends zum Essen riefen, dann haben wir uns gerne noch irgendwo versteckt, auch mal Kartoffeln im Feuer gegrillt und gruselige Geschichten erzählt. Meine Lieblingszeit war der Winter, dann ging es in die Berge zum Skilaufen und im Sommer ins Pionierlager.“

Die Eltern von Vera Kislizina sind Sportler. „Mutti war Schwimmtrainerin und mein Vater ein bekannter Trainer für Modernen Fünfkampf. Da war klar, auch ich mache Sport.“ Sie entscheidet sich für Judo. „Durch die Wettkämpfe bin ich rumgekommen und habe viel von der damaligen Sowjetunion gesehen. Das war toll.“ Zweimal legt sie erfolgreich die höchste Prüfung zum ‚schwarzen Gürtel‘ ab.

Nach der Schulzeit geht sie in das 3.300 Kilometer entfernte Kirow. Dreieinhalb Jahre dauert die juristische Ausbildung. „Wir mussten viel lernen und darum war Judo jetzt nur noch Freizeitsport. Ein paar Monate trainierte ich die Jüngeren, aber das ging dann nicht mehr.“, so Bröckel. Sie kehrt nach Bischkek zurück. Zwei Jahre ist sie dann bei der Polizei.

„Ich habe damals schrecklich Dinge erlebt. Bei bewaffneten Kämpfen wurde ein kleines Mädchen, vielleicht so 3 Jahre alt, von einer Kugel getroffen. Sie lebte noch und ich habe sie fest in meine Armen genommen und bin mit ihr ins Krankenhaus gerannt.“, stockt Vera Bröckel sichtlich berührt. „Ich musste mich entscheiden: Wollte ich das? Zwischen den Fronten stehen? Ich habe den Dienst quittiert. Mein Leben hat sich um 180 Grad gedreht. Heute bin ich überzeugte Pazifistin. -Ich will nicht mehr, dass Menschen unter Krieg leiden!“

Sie lernt ihren Mann kennen. 1996 kommt ihr Sohn Vladimir zur Welt, 1997 folgt Tochter Katharina. Der kleine Vladimir hat Probleme mit seinem Bewegungsapparat und ist oft in ärztlicher Behandlung. Für Vera Bröckel eine Herausforderung. Sie entscheidet sich, ihren Sohn intensiv zu unterstützen und macht eine Ausbildung als Masseurin. Als Praktikantin stößt sie zu dem medizinischen Team, das die kirgisischen Sportler auf die olympischen Spiele vorbereitet. Sie ist gut, fachlich anerkannt und bleibt ein paar Jahre dabei. „Ich konnte meinen Sohn unterstützen und viel praktische Erfahrungen sammeln.“, sagt sie.

Ihr Mann gehört zu der deutschen Minderheit in Kirgistan. Anfang der 90er Jahre verlassen viele von ihnen das Land. Dörfer, die „Rot-Front“ oder „Luxemburg“ heißen, verlieren immer mehr Einwohner. 2005 entscheidet sich auch ihre Familie zu gehen. Erst ihr Mann und die Kinder, ein halbes Jahr später auch Vera Bröckel.

„Die erste Zeit war schwer. Wir hatten Unterstützung und dafür bin ich sehr dankbar. Eine Wohnung, ein Sprachkurs, all das war wirklich gut. Aber beruflich zu starten, das hat nicht so leicht geklappt. Ich hatte lange Jahre Berufserfahrung, doch die zählten nicht. Als ich dann noch unser drittes Kind bekam, gab es Komplikationen mit dem Job-Center. Ich wollte lernen und arbeiten, aber es gab viele Hürden.“, erinnert sie sich. „Manchmal dachte ich daran zurückzugehen.“

Dann klappt es doch. Sie beginnt von vorn, wird Masseurin und medizinische Bademeisterin. „Fachlich kannte ich vieles schon. Ein bisschen Deutsch konnte ich auch. Aber die Fachsprache! Am Anfang habe ich alles auswendig gelernt, ohne es zu verstehen. Wenn ich mit Gestik und Mimik im Unterricht etwas erklärt habe, war es oft so lustig wie im Zirkus!“, lacht Vera Bröckel. Sie schafft es. Ihr Job ist ihre Leidenschaft.

Sie bildet sich fort. Manuelle Therapie, Physiotherapie. „Ich bin wirklich professionell in meinem Gebiet als Physiotherapeutin. Und während meiner Arbeit lerne ich immer wieder sehr interessante Leute kennen, die Dinge tun, mit denen ich mich nicht auskenne. Wenn es um Musik geht, dann bin ich ein Bär. Ich habe keine Stimme.“, lacht sie und freut sich darüber, dass sie von ihren Patienten, darunter auch Musiker, immer wieder etwas Neues lernt.

Inzwischen hat sich Vera Bröckel an die Größe Schwerins und die Ruhe in der Stadt gewöhnt. „Heute ist Schwerin für mich die ideale Stadt zum Leben.“, sagt sie. Manchmal vermisst sie die leckeren Spezialitäten aus Kirgistan. Die gibt es dann alle zwei Jahre, wenn sie ihre Mutter in Bischkek besucht.

Länderinfo Kirgistan

Kirgisistan, auch Kirgisische Republik genannt, ist ein Binnenstaat in Zentralasien. Im Norden liegt Kasachstan, im Südosten China, im Süden Tadschikistan und im Westen Usbekistan.


Kirgisistan, hervorgegangen aus der Kirgisischen SSR, erlangte die Unabhängigkeit mit dem Ende der Sowjetunion 1991. Ein paar Jahre gilt Kirgistan als „demokratisches Musterland“. Die Hauptstadt, zugleich das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Kirgisistans, ist aus einer Karawanenstation an der Seidenstraße hervorgegangen. Seit ihrem Bestehen änderte sich der Name mehrfach. So wurde aus „Pischpek“ 1926 bis 1991 „Frunse“ und jetzt Bischkek. Die Mehrheit der rund 6,5 Millionen Einwohner sind Kirgisen. Außerdem leben Usbeken Russen, Dunganen, Uiguren, Ukrainer, Tadschiken, Tataren, Kasachen, Mescheten und andere Minderheiten, darunter auch Deutsche, im Land. Tschingis Aitmatow ist sicher einer der bekanntesten Menschen aus Kirgistan. Sei erstes und erfolgreichstes Werk ist die verfilmte Erzählung „Djamila“ über Ereignisse in Kirgisistan im Sommer des Kriegsjahres 1943. Für Louis Aragon, er übersetzte die Erzähhlung ins Französische, „ist es die schönste Liebesgeschichte der Welt.“ In der DDR gehörte das Werk zur Pflichtlektüre an den Schulen.