Über das höchste der Gefühle Virginia Vouicu aus Rumänien

Virginia Vouicu

„Verstehen Sie mich nicht falsch“, sagt Virginia Voicu, „hier in Schwerin habe ich wirklich sehr nette und gute Menschen kennengelernt. Ich fühle mich willkommen. Aber in meiner Heimat zeigen die Menschen mehr Gefühl. Zur Begrüßung umarmt man sich herzlich. Hier ist es schon das Höchste der Gefühle, wenn man sich die Hände schüttelt.“

Seit 2013 leben Virginia Voicu und ihr Sohn Raphael in Mecklenburg-Vorpommern. Die beiden kommen aus Rumänien, aus der Hafenstadt Mangalia am Schwarzen Meer. Dort ist Vouci mit ihrer Zwillingsschwester und zwei weiteren Geschwistern aufgewachsen. In Mangalia hat sie ihr Abitur in der Fachrichtung Elektrotechnik gemacht. Ihre Heimatstadt war bereits Ende der 60er Jahre ein beliebtes Ziel für Urlauber, vor allem aus Deutschland. Aus Ost und aus West. Voicus Mutter lebt noch dort. Zwei der Geschwister leben in Italien, eine Schwester in Bukarest, der Hauptstadt Rumäniens. Hier hat auch Virginia Voicu einige Jahre gearbeitet. Bei der Arbeit hat sie ihren Partner kennengelernt. „Englisch ist in Rumänien ‚supermegawichtig“. Viele junge Rumänen sprechen Englisch und die internationalen Unternehmen, die nach dem Ende des Kommunismus ins Land kamen, erwarten das auch. Mein Englisch ist ganz gut und so habe ich gelegentlich für einen IT-Spezialisten übersetzt, der bei uns tätig war. Er kam aus Deutschland, aus Ludwigslust. Es hat eine Weile gedauert, bis wir uns verliebt haben.“, sagt sie lächelnd.

Zunächst kommt sie besuchsweise zu ihrem Freund nach Mecklenburg. „Nach Deutschland zu kommen, war nie mein Ziel. Aber in meinem Leben kommen die Dinge oft anders, als ich es mir denke.“, schmunzelt Voicu, die dann etwas später doch mit ihrem Sohn nach Ludwigslust zieht. An der Volkshochschule lernt sie Deutsch.

In Schwerin beginnt sie eine Ausbildung als „Kauffrau für Bürokommunikation“ und schließt diese 2018 erfolgreich ab. „So eine Ausbildung in Deutschland kann ich nur empfehlen. Die Kombination aus Praxis und Theorie, aus Betrieb und Berufsschule, ist ein tolles System. Da wächst man in die Arbeit hinein und lernt wirklich viel.“ Doch es fiel ihr nicht immer leicht. Sie hatte auch das eine oder andere Tief während der Lehre. Und sie hat zwischendurch daran gedacht nach Rumänien zurückzugehen. Freunde haben ihr beigestanden, sie unterstützt. Dafür ist sie dankbar.

Ihr Sohn, der jetzt 14jährige Raphael, wollte auf jeden Fall bleiben. Er geht zur Schule, besucht die 8. Klasse und fühlt sich wohl in der Landeshauptstadt. „Er liebt Brezel und Bratwurst.“, sagt Voicu, die selbst Vegetarierin ist. „Du musst Dich beweisen, immer wieder.“, meint sie, „Und manche Menschen sind auch neidisch oder befürchten, dass wir Ausländer ihnen die guten Jobs wegnehmen. Dabei gibt es viele Jobs, die kein Deutscher mehr machen möchte. In Rumänien heißt es sehr schnell „Wenn Du das hier nicht machen möchtest, kannst Du gerne gehen“. Das ist hier in Deutschland längst nicht so.“

Ihr gefällt es gut, dass vieles in Deutschland geordnet und klar geregelt ist: im Arbeitsleben, in den Verwaltungen und anderswo. In Rumänien gäbe es natürlich auch Regeln und Gesetze, aber nicht jeder halte sich daran. Nach ihrer letzten Reise zu ihrer Mutter im Sommer 2018 ist sich Virgina Voicu sicher, dass sie nicht mehr auf Dauer zurück nach Rumänien möchte. Sie sei enttäuscht von den Veränderungen im Land.

Die Korruption im Land ist immer mal wieder ein Thema. So auch zu Beginn der EU-Ratspräsidentschaft Rumäniens 2019. Der Staatspräsident Klaus Iohannis, der eine härtere Gangart in Sachen Korruption fordert, hat Anfang des Jahres die Ernennung von Olguta Vasilescu zur Ministerin für Regionale Entwicklung sowie von Mircea Draghici für das Transportressort abgelehnt. Vor allem das Entwicklungsministerium gilt als Schlüsselressort, weil es Gelder an Lokalpolitiker verteilt und Kritikern zufolge damit deren Loyalität zur Regierung erkauft.

In ihrer Heimat spielen der Glaube an Gott und die Kirchen im Alltag eine wichtige Rolle, berichtet Voicu. Das sei nicht schlecht, meint sie. Hier in Deutschland sei es liberaler, die Meinungsvielfalt größer und die Religion nicht so präsent. Das sei ein „Stück Freiheit“.

„Deutschland war nicht „mein“ Land. Doch heute ist hier mein Zuhause.“, so Virgina Voicu. Seit Herbst vergangenen Jahres arbeitet sie in Schwerin für ein Unternehmen der Allergie- und Nahrungsmittelunverträglichkeiten-Diagnostik. „Jetzt, wo ich die deutsche Sprache besser kann, ist nicht alles perfekt, aber vieles ist einfacher.“

In Schwerin ist Voicu gerne zu Fuß unterwegs. Sie mag die Stadt und sie findet, dass die Leute auf der Straße respektvoll miteinander umgehen. Das Wort „Schatz“ gefällt ihr, der Klang. Sie mag die Musik von Mark Forster und die Lieder von Namika. Der Song „Lieblingsmensch“ von Namika hat es ihr besonders angetan.

Die Norddeutschen erlebt Virgina Voicu als „leidenschaftlich, wenn sie wissen, was sie wollen“. Einige erscheinen ihr allerdings auch „ein bisschen fixiert auf das Negative und nicht sehr flexibel“, so die 39jährige. Oft habe sie Formulierungen gehört wie „das haben wir schon immer so gemacht“, und sie fragt sich, ob Menschen, die es gerne so haben wollen, „wie es immer schon war“ nicht vielleicht Angst vor dem Leben haben.

Was sie sich für die Zukunft wünscht? „Eine gute Ausbildung für Raphael, eine gute Arbeit für mich.“ Ein wenig mehr Herzlichkeit unter den Mitmenschen wünscht sie sich und ein bisschen mehr Neugierde auf den anderen. Und den Süden Frankreichs würde sie gerne mal besuchen. „Ach ja, und „man selbst zu sein“., sagt sie. – Wie heißt es doch Namikas Lied „Lieblingsmensch“? „Manchmal fühl' ich mich hier falsch, wie ein Segelschiff im All …“

Dieser Artikel ist am 17.06.2019 in der Schweriner Volkszeitung erschienen: https://www.svz.de/lokales/zeitung-fuer-die-landeshauptstadt/virgina-voicu-aus-rumaenien-ueber-das-hoechste-der-gefuehle-id24300022.html