Hermann Hesse und Betriebswirtschaft Yifei Jing

Yifei Jing, Volksrepublik China

"Schwerin ist wie eine Märchenstadt. Es ist wie auf den Bildern in den Lehrbüchern im Deutschunterricht.", sagt Yifei Jing. Sie studiert seit Oktober 2018 Internationales Management an der Fachhochschule des Mittelstandes - FHM - am Pfaffenteich. "Wer in einer Stadt wie Hamburg studiert, sieht diese schönen Dinge gar nicht. Mit gefällt es hier. Auch die Entfernungen sind nicht so groß wie in China. Das ist auch praktisch, wenn man von einer Stadt in eine andere reist."

Dabei kommt Jing selbst aus einer echten Großstadt in China. Xi'an, einst Ausgangspunkt der Seidenstraße, hat etwa 9 Millionen Einwohner. Die Stadt war um 220 v. Chr unter der Qin-Dynastie die erste Hauptstadt des Kaiserhauses. Hier ist sie aufgewachsen. Geschwister hat sie nicht. "Die 'Ein-Kind-Politik'", sagt sie, "Alle Leute meiner Generation sind Einzelkinder. Die Ausbildung der Kinder ist sehr teuer. Viele Eltern arbeiten in einer anderen Stadt und die Kinder leben bei den Großeltern." So ist es auch in ihrer Kindheit. Die Großmutter kümmert sich um Yifei Jing, während die Eltern ein paar Jahre auswärts arbeiten.

Vor 12 Jahren gründet ihr Vater ein Unternehmen im Baugewerbe. Die Mutter kümmert sich um die Finanzen. Ihr Vater ist für sie ein Vorbild. Mit ihm tauscht sie sich gerne auch über ihre eigenen Ideen aus. Jing entwickelt im Studium an der FHM ein Konzept für eine Sharing-Plattform. Mit deren Hilfe können Menschen ihre Talente und Stärken in Sachen Kultur, Sprachen, Musik und Fotografie zusammenbringen und austauschen. Sie nennt diese "Ach so!" Mit dem Entwurf nimmt Jing Sommer 2019 am landesweiten Hochschulwettbewerb "Inspired" teil. Der Sonderpreis des Ministeriums für Energie, Infrastruktur und Digitalisierung ist für Yifei Jing die Fahrkarte zur SLUSH nach Helsinki. Die SLUSH gilt als weltweit führendes Start-Up-Event. Hier kommen vor allem junge Menschen mit Ideen, Unternehmensgründer und Investoren zusammen. 25.000 sind es im November 2019. Für Jing ist es ein unvergessliches Erlebnis.

"Es ist aber nicht wirklich das, was ich machen möchte. Man muss seine ganze Zeit und Kraft einsetzen. In den Sommermonaten habe ich viel an der Plattform gearbeitet und ich hatte überhaupt keine Zeit zum Lesen. Dabei ist mir auch das ganz wichtig. Auch Reisen möchte ich. Für eine Karriere als Selbstständige ist es mir noch zu früh. Das brauche ich nicht unbedingt.", sagt Jing. "Ich bin ja erst 23 Jahre alt und das geht mir zu schnell."

Sie telefoniert mit ihren Eltern und berät sich mit ihnen. Sie unterstützen Jing auch über die große Entfernung. "Es wäre vielleicht leichter, wenn ich in China wäre. Hier fühle ich mich mit so einer Aufgabe alleine. Und es dennoch ist es für mich eine gute Erfahrung. Ich lerne mich als innovativen Menschen kennen.", sagt sie lachend, "Als Kinder haben wir gerne gespielt und getan, als seien wir schon erwachsen. Das Studium ist auch wie eine Simulation."

Die Erwartungen an Yifei Jing sind bereits in der Kindheit hoch. "Das ist bei uns normal. Du musst viel lernen und bist schon als Kind sehr beschäftigt mit Nachhilfe oder Musikunterricht. Meine Oma hat mich manchmal im Zimmer eingeschlossen, damit ich Klavier übe.", so Jing.

In Chongqing, der größten Stadt der Welt, studiert Yifei Jing nach dem Abitur zunächst Germanistik. Ihre Eltern hätten es lieber, sie studiert Informatik. Doch sie liebt die Literatur, besonders die Werke Herrmann Hesses. "Das Glasperlenspiel und den Steppenwolf habe ich mehrfach auf Chinesisch gelesen. Das wollte ich auch im Original auf Deutsch. Man kann das nicht verstehen, wenn man es nur einmal liest.", sagt Jing. Ihre Bachelorarbeit schreibt sie 2018 über die "weiblichen Figuren in Hermann Hesses Roman 'Narzis und Goldmund". Da ist sie bereits in Schwerin. "Schwerin ist ein guter Ort zum Denken. Ich sitze gerne mit meinen Büchern im Schlosspark, lese und freue mich über die Segelboote.", lächelt sie.

Der Wechsel von Germanistik in die Betriebswirtschaft ist für Jing kein Widerspruch. Dieses Jahr wird sie das Studium 'Internationales Management' mit dem Master abschließen. Die gesellschaftliche Situation in China sieht Jing durchaus kritisch. Ihr gefällt es nicht, dass sehr viel kontrolliert und streng überwacht wird. Aber sie sagt auch, alles habe zwei Seiten, und fragt sich, wie so ein Riesenstaat anders regiert werden könne.

Ihre berufliche Zukunft sieht Yifei Jing im Bereich Wirtschaftsinformatik. Zum Paktikum geht es jetzt nach Würzburg. Anschließend kommt sie zurück in die Landeshauptstadt. "Nach dem Studium möchte ich gerne in Deutschland arbeiten und später vielleicht ein Unternehmen gründen. Am liebsten etwas, um China und Deutschland miteinander zu verbinden."

(Foto: Yifei Jing)

Länderinfo Volksrepublik China

Seit 1949 steht die Volksrepublik China "unter der demokratischen Diktatur des Volkes" heißt es in der Verfassung. Tatsächlich werden die 1,4 Milliarden Chinesen - fast ein Fünftel der Weltbevölkerung - im viertgrößten Land der Welt von der Kommunistischen Partei Chinas regiert.


Das Territorium erstreckt sich von der sibirischen Grenze im Norden rund 5.500 Kilometer nach Süden und etwa 5.200 Kilometer von West nach Ost. 14 Nachbarländer liegen an den 22.133 Kilometer Landgrenzen. 14.500 Kilometer beträgt die Küstenlänge. In den chinesischen Hoheitsgewässern liegen etwa 5.400 Inseln. Die 18 verschiedenen Klimazonen des Landes lassen erahnen, wie vielfältig auch die Geographie sowie die Tier- und Pflanzenwelt Chinas sind. Etwa 60% der Chinesen leben in Städten. Rund 90 Städte haben mehr als 5 Millionen Bewohner, mindestens 15 Städte sogar mehr als 10 Millionen. Die "Han-Chinesen" stellen mit fast 92% die größte Bevölkerungsgruppe. 55 weitere Ethnien sind als nationale Minderheiten anerkannt. Aber einige Volksgruppen, z.B. die Uiguren, leiden unter der Assimilationspolitik der Regierung. China ist Deutschlands wichtigster Handelspartner. Der riesige Binnenmarkt und die Exporte Chinas sind seit Jahren Antriebskraft für ein enormes Wirtschaftswachstum. Die jüngste amtliche chinesische Angabe von 6,1 % Wachstum in 2019 halten Kenner für zu hoch gegriffen. Für diese Fachleute sind andere Indikatoren wichtiger: die Stimmung in den Einkaufsabteilungen der Unternehmen, der Stromverbrauch der Industrie, die Zahl der Container, die in chinesischen Häfen umgeschlagen werden. 2018 waren dies mehr als 200 Millionen 20 Fuß-Container-Einheiten, in Hamburg und Bremerhaven knapp 14,3 Millionen.