Reise ohne Wiederkehr Zeyade Tekia aus Eritrea

Zeyade Tekia, Eritrea

Wenn der ältere Sohn, Mearg (6) demnächst zur Schule kommt, wird sein Vater, Zeyade Tekia (27) nicht dabei sein. Seinen jüngsten Sohn, Abyel (4) kennt er noch nicht. Als Abyel in Eritrea zur Welt kam, war Zeyade Tekia, sein Vater, bereits auf der Flucht. Die beiden Jungs leben mit ihrer Mutter, Belbah, in dem Dorf Arama im Süden des Landes am Rande des eritreischen Hochlands. Von dort sind es etwa drei Stunden Fußmarsch nach Senafe, in die nächste Stadt.

In Senafe ist Zeyade Tekia zur Schule gegangen, fünf Jahre lang. Formal bestehen acht Jahre Schulpflicht für Kinder ab dem Alter von sieben Jahren. Doch besuchen – besonders in den ländlichen Regionen - längst nicht alle eine Grundschule und nur rund 21 Prozent eine weiterführende Schule. Die Schulen sind schlecht ausgestattet, Frontalunterricht mit mehr als 60 Kindern pro Klasse ist die Regel. Mädchen sind deutlich benachteiligt.

Er war 14 Jahre alt, als er nach der Schule auf dem Bau als Helfer eines Maurers zu arbeiten anfing. Auf dem Feld zogen die Rinder den Pflug und Zeyade Tekia führte ihn an den Sterzen hinter ihnen her. Eine Ausbildung hat er nicht. Das ist in Eritrea die Regel.

Wie es seiner Frau und den Kindern geht, kann er nicht sagen. Sie haben nur selten Kontakt. Im Dorf gibt es kein Internet und sein Vater, der hin und wieder über die Situation in Arama berichtet, lebt weit weg und ist nur selten dort.

Zeyade Takia wollte nicht zum Militär. Die eritreische Regierung hat ihr Versprechen gebrochen, die allgemeine Wehrpflicht auf 18 Monate zu beschränken. Entgegen aller Behauptungen der Behörden ist der Militärdienst unbefristet und dauert häufig mehrere Jahrzehnte. Auch Mädchen im Alter von 16 Jahren werden eingezogen, selbst Menschen über 50 werden erneut zwangsverpflichtet. Dies zeigen Interviews, die Amnesty International mit Eritreern geführt hat, die seit Mitte 2014 aus dem Land geflohen sind. - Sechs Monate war Zeyade Takia inhaftiert. Er wurde gefoltert, erhielt Schläge auf die Fußsohlen. Für drei Tage kam er 2014 ins Krankenhaus.

Wer Auslandsreisen nur vom Spanienurlaub, der Wohnmobiltour durch Kanada oder Wanderung durch Norwegen und der anschließenden, sicheren Rückkehr nach Hause kennt, kann sich wohl nicht wirklich eine Vorstellung davon machen, was Menschen durchmachen, wenn sie sich auf eine „Reise ohne Wiederkehr“ begeben.

Tagelang zu Fuß, auf einem Floß aus zusammengebundenen Kanistern oder mit 30 Personen auf den Ladeflächen von Pick Ups und LKWs geht es über Äthiopien, durch den Sudan und den Tschad nach Libyen. Wochenlang nicht zu wissen, ob der Weg überhaupt weitergeht, illegal und ohne Reisedokumente unterwegs mit anderen, mit Fremden, die Freund oder Feind sein können, das zehrt an den Nerven. Keine Nacht an einem wirklich sicheren Ort verbringen. Immer wieder Geld besorgen für die Schlepper und ihre Mittelsmänner. Die Kuh und die Schafe wurden verkauft, um Geld zu haben für die Flucht. Geld wurde geliehen. „Belbah war schwanger, als ich ging. Sie hätte das nicht geschafft.“, sagt er und man sieht ihm die Traurigkeit und Erschöpfung auch nach den Jahren noch an.

Von Libyen im Boot nach Lampedusa. „Ich hatte Angst. Es war kalt und wir hatten unglaublichen Hunger und Durst.“ Von der Insel geht es später auf einem sicheren Schiff nach Sizilien. Von dort geht es über Rom und Mailand mit dem Zug nach Schweden. „Damals hatte ich noch keine Idee an Deutschland. Ich wollte überleben und nach Europa.“ Mehr als 7.000 € mussten allein für die Flucht von Zeyade Takia aufgebracht werden. Ein Flug von Asmara, der Hauptstadt Eritreas nach Frankfurt/Main hätte 12 bis 16 Stunden gedauert und ist bei Egypt Air bereits für 280 € zu haben.

In Schwerin lebt Zeyade Tekia seit August 2017. Er hat klare Vorstellungen und er tut etwas dafür, dass diese Wirklichkeit werden. Gerne würde er Maurer werden oder in der Altenpflege arbeiten. Dafür reichen die Sprachkenntnisse bisher nicht. Er lernt und hat die erste Sprachprüfung bestanden, nun kommt in diesem Sommer die nächste. Für die Stadtbibliothek hat er einen Ausweis und leiht sich auch Bücher zum Lernen aus. Vormittags Schule, am Nachmittag arbeiten, nach Feierabend auch mal ins Sportstudio.

Er hat Glück. Sein Aufenthaltstitel erlaubt ihm zu arbeiten. Und das tut er. Er putzt, am liebsten putzt er Fenster. Er ist sicher, dass die Verwandten seine Frau und die Kinder unterstützen. Auch wenn sie selber nicht viel haben, man hilft sich gegenseitig. Und er hofft, mit dem verdienten Geld auch einen Beitrag leisten zu können. Montags geht er oft in den Nachbarschaftstreff „Eiskristall“ am Berliner Platz. Dorthin, ins „Welcome-Café, kommen auch immer ein paar Deutsche und helfen bei den alltäglichen Herausforderungen und dem „Alltags-Deutsch“. Die Hilfe nimmt er gerne an.

Schwerin. „Hier habe ich alles. Einen Hausarzt, einen Zahnarzt, einen Pass, gehe zur Schule, ich arbeite und habe ein Bankkonto. Es ist von allem genug.“ Was er sich wünscht? Einen deutschen Freund und dass sein Fernseher wieder funktioniert.

Dieser Artikel erschien auch in der Schweriner Volkszeitung am 09.09.2019

Länderinfo Eritrea

Eritea liegt mit 2.234 Küstenlänge in Nordost-Afrika am Roten Meer. Die Fläche Eritreas von 117.600 km² entspricht ungefähr 33 % der Größe Deutschlands. Von rund 6 Millionen Einwohnern lebt ein Viertel in der Region Asmaras, der Hauptstadt.


Die ehemalige italienische Kolonie wurde 1962 von Äthiopien annektiert und erst 1993 nach langem Kampf unabhängig. Seitdem regiert Isayas Afewerki mit harter Hand. Die Korruption ist hoch, Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit existieren nicht. Regierungskritiker, Angehörige verbotener Religionsgemeinschaften, Deserteure und Eritreer, die im Ausland um Asyl ersucht haben, werden inhaftiert, gefoltert oder verschwinden. Tausende Eritreer verlassen jedes Jahr ihr Land, vor allem um dem zeitlich unbegrenzten Militärdienst zu entgehen. Etwas 20% der Eritreer leben im Ausland. Etwa 75 % der erwerbstätigen Bevölkerung sind in der Landwirtschaft beschäftigt. Trotzdem müssen Nahrungsmittel importiert werden. Etwa 50 % der erwerbstätigen Personen werden zum Militär und zu Zwangsarbeit eingezogen. Eritrea verfügt über Bodenschätze wie Gold, Silber, Kupfer, Schwefel, Nickel, Pottasche, Marmor, Zink und Eisen. Außerdem werden momentan Erdöl- und Erdgasvorkommen erschlossen. 62% aller Exporte gehen nach China, 28% nach Südkorea. Auch außenpolitisch sind dies wichtige Partnerländer. In der am 1997 verabschiedeten, jedoch nicht in Kraft getretenen, Verfassung sind alle neun Sprachen der verschiedenen Ethnien als gleichberechtigt anerkannt. Eritrea gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und steht auf dem „Index der Menschlichen Entwicklung“ (HDI) auf Platz 179 von 188. Touristen besuchen das Land eher selten: 1996 kamen 417.000 ins Land, 2008 waren es nur 70.000 und 2016 dann wieder 142.000.